Zeitverlust

Auszug aus dem gleichnamigen Afrikaroman

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Ich rutsche auf dem Fahrersitz herum. Meine Beine kleben in der Schicht von Dreck, Staub und Schweiß. Beinhaar wird entwurzelt. Es ratscht wie beim Öffnen eines Klettverschlusses. Was gibt's hier zu lachen?

Ich will nach der Uhrzeit sehen, will sehen, wieviel Zeit wir schon verloren haben mit den schlechten Pisten und irritierenden Wegbeschreibungen dieser Leute, die uns anscheinend nicht ernst nehmen. Das Zifferblatt ist staubbedeckt. Umständlich beginne ich, das Glas mit dem Daumen freizuwischen, besinne mich jedoch. "Vielen Dank", rufe ich dem Witzbold zu, während die Hand schon den Gang einlegt, ich nachdrücklich ein paar mal Gas gebe und weiterfahre.

Statistisch gesehen befinden wir uns am heißesten Ort Westafrikas, hatte Maren gestern abend festgestellt. Wir kampierten in der gelben Savanne, wo wir bei unserer Ankunft weit und breit weder Dorf noch Menschen gesehen hatten. Plötzlich spuckte der Busch Kinder aus. Unerklärlich, woher sie kamen und wie sie uns gefunden hatten. Eine Phalanx aufgerissener Augen verfolgte all unser Tun. Nicht einmal die Notdurft ließ sich unbeobachtet verrichten. Maren versuchte, sich auf die Karten zu konzentrieren. Vornübergebeugt auf dem Klappstuhl fixierte sie die Tabellen, die Dauer der Trockenzeit und die Durchschnittstemperatur. Jedes Wort, jede Bewegung wurde von Kichern begleitet.

"Drive! Drive!" Im Rückspiegel sehe ich das nochmals verkleinerte Abbild des kleinen Mannes, der immer noch steht, wo wir ihn zurückließen, immer noch winkt. Er wippt dabei tänzerisch in den Knien und lacht. Ich beschleunige unsere Fahrt und wende mich wieder der Uhr zu. Für mich ist sie ein gläsernes Tier, dessen Augen unablässig im Kreis kriechen. Nachts horche ich oft nach dem beruhigenden Pochen, das die Zeit in kleine gleichförmige Teile zerlegt. Ich beuge mich vor, um die Stellung seiner Augen einzufangen. Da übertönt ein gewaltiger Schlag das Getöse des Motors, das Quietschen und Ächzen der aus der Verankerung gerissenen Einbauschränke, das Klappern und Klirren des Kochgeschirrs und der Emaille. Instinktiv umklammere ich das Lenkradkreuz, unterstütze den Druck mit den Ellenbogen, als ob meine nachträgliche Aufmerksamkeit die vorhergegangene Unaufmerksamkeit wett machen könnte. Jetzt, mit dem Schlag, wirbeln Millionen Staubpartikel auf. Dann steht der Wagen. Ich verfluche die Straße, den Wagen. Verfluche unsere Fahrt:Löcher, Gräben, Schotterpiste. LKW-Reifen hatten den Boden zu Schwellen zusammengeschoben. Darauf zitterte der Wagen bis ins Mark. Ein ohrenbetäubendes Rattern, das sogar die schwere Batterie aus der Verankerung riß. Vom Motor kam immer lauteres Scheppern. Der Temperaturanzeiger vibrierte wild. Die linke Vorderfeder - in der Sahara gebrochen - ließ das Vorderrad in den Radkasten schlagen. Ich fuhr den Bus am abschüssigen, rechten Straßenrand entlang, damit das linke Rad entlastet würde. Nur nicht anhalten, dachte ich. Solange wir uns noch vorwärts bewegen, ist nicht alles verloren.Fünf Stunden benötigten wir für hundertsechzig endlose afrikanische Kilometer. Fünf Stunden verklammert am Lenkrad. Ununterbrochen suchten meine gereizten Augen die Straße nach unversehrtem Teerbelag ab. Das Bild flackerte unwirklich, Konturen verschwammen. Die Sinne gerieten in eine Nervosität, die in Gleichgültigkeit zu kippen drohte.

"Die Gelder für den Straßenbau in Afrika versickern. Sie verschwinden bereits seit den sechziger Jahren". Der ergraute Entwicklungshelfer hatte uns vor zwei Wochen in Niamey erklärt, daß Ghana einmal das beste Straßennetz in Afrika besaß. Ein Anflug von Grinsen - oder war es Weinen? - durchzuckte seine Mundwinkel. Müde ließ er die Eisquader im Cocktailglas klingen und warf einen verächtlichen Blick über den Rand der Barterrasse auf den bräunlichen Niger. Dort schlugen Frauen unermüdlich nasse Wäsche auf Steine. Nicht einmal ihre schwingenden Brüste erheiterten ihn noch.

Ich sehe nach der Uhr. Sehe, daß sie steht. Trotz der neuen Batterie. Das Klappern beim Öffnen der Tür klingt weit entfernt. Unbeholfen suchen unsere Füße Halt. Wir kriechen heraus aus der Blechummantelung. Dann ist auch schon der kleine Mann wieder da. Diesmal empört.
"Ohhh-Ohhh!" spuckt er mir entgegen und deutet dabei auf das Loch im Asphalt, das ich übersehen habe. Er spricht eine einheimische Sprache, wahrscheinlich Dagbane. Ich spüre nur, daß er mich zurechtweist, ausschimpft wie ein unartiges Kind, als hätte ich soeben seinen und nicht meinen Wagen durch dieses Loch gefahren. Gerade will ich mich unwirsch abwenden, als hinter ihm weitere Zaungäste auftauchen. Alles, was Beine hat, bewegt sich auf uns zu. Im Augenwinkel registriere ich Sonnenbrillen, weiße Hemden, Anzüge, moslemische Kappen, Gewänder. Ich will lieber nicht hinsehen, lieber jeden Kontakt mit ihnen vermeiden. Am liebsten wäre ich überhaupt weg. Sie aber, schon mitten drin, fuchteln mit den Armen und scheinen zu streiten. Ihr Tonfall klingt belehrend. Die Wogen gehen hoch, und plötzlich packt einer einen anderen an der Schulter, schiebt ihn theatralisch an das Loch.
"Why, why is our road like this?" Er schüttelt sein Gegenüber und deutet auf die Straße.
"Mein Fehler", versuche ich einzulenken.
"No, it's not you. It's the road."

Ich beuge mich herab, um einen Blick unter den Radkasten zu werfen. Vom Aufprall hat sich das Fahrgestell in die Karosserie geschoben. Bleche sind zusammengedrückt, zerknüllt wie Papier. An der Radaufhängung zeigen sich Risse. Mir stockt der Atem.Im Rücken erhebt sich Stimmengewirr. Vokale, Nasales, Schnalzen. Hände legen sich auf meine Schultern, Finger zupfen an mir. Ungeduldig erhebe ich mich, um einfach einzusteigen und weiterzufahren. Aber schon kriecht der kleine Mann unters Auto und tastet die Radaufhängung ab.
"Oh, no problem", versucht er mich zu beruhigen. Er sei Automechaniker. Ob ich Werkzeug habe? Nein! Auf gar keinen Fall lasse ich ihn an unserem Wagen rumschrauben. Überall am Straßenrand habe ich diese "Mechanics" reparieren sehen, Auspuffe an die Karosserien schweißen, Vergaser im Treibsand zerlegen. Nein, ich habe kein Werkzeug. Und ich will jetzt fahren!

Unbeirrt kriecht er weiter unter dem Wagen herum. Den Umstehenden erläutert er dessen Gesundheitszustand. Man folgt andächtig seinen Diagnosen, gibt ihm Signale, daß er verstanden wird. Jede seiner Erklärungen setzt Rufe, Zischeln und Schnalzen frei. Man fährt sich gegenseitig über den Mund, doziert über Details. Der Mann unterm Wagen korrigiert und beurteilt alles. Einige Beiträge werden mit Applaus bedacht, andere einfach niedergeschrien. Manche versuchen sich gleich mehrfach, um doch immer wieder abzublitzen.

Mein Geduldsfaden droht zu reißen, als eine Frau, den ausladenden Körper mit einem Tuch umwickelt, dazwischen tritt. Als Kopfbedeckung im Sinne des Propheten dient ihr eine Duschhaube. Darauf thront ein Tablett mit Brot. Sofort ist der Brotpreis ein weiterer Diskussionspunkt, und wieder fällt der Mann unterm Wagen das letztgültige Urteil: "Good price, good price!""Können wir jetzt?" frage ich Maren, ganz als ob sie uns aufhält.

Ziegen verirren sich in der Ansammlung und werden mit Fußtritten verjagt. Nackte Kinder wagen sich heran, bleiben in einigem Abstand stehen, Rückgrate konkav, Bäuche konvex. Sie verfolgen jede Bewegung. Aufgeregt rufen sie sich Lautbrocken zu, deuten auf Maren, deuten auf ihr Gesicht.
"Die meinen den Staub", gebe ich ihr ungeduldig zu verstehen. Sie lacht, streift mit dem Mittelfinger Staub vom Wagen und malt ihn sich ins Gesicht.
"No, no!" Sie umringen Maren, angespornt von der Aufmerksamkeit, die wir ihnen schenken. Sie zeigen auf ihr Gesicht, auf die Arme, rufen in seltsamem Singsang. Auch die Erwachsenen wenden sich ihr jetzt zu.
"Vielleicht meinen sie deine Nase."
Ein Übersetzer wird vorgeschickt. Ein Mann mit weiten Kleidern, Sonnenbrille, Goldkettchen, klobigen Ringen an den Fingern. Das steil nach oben geschnittene Haar sitzt wie ein Kochtopf auf seinem Kopf. Er nimmt in der Mitte Platz und verschafft sich Respekt. Ich drängele weiterzufahren. Der Mann unterm Wagen gebietet mit einer Handbewegung zu warten. Dann spricht er mit dem Übersetzer, wobei er immer wieder auf Maren zeigt. Das Stimmengewirr verebbt. Nickend und mit Lauten der Zustimmung folgt der Übersetzer den Worten, um keines zu verlieren. Dann wendet er sich an uns, bringt sich in Stellung:
"They mean her skin disease."
Was für eine Hautkrankheit könnten sie meinen?
Es dauert, bis wir begreifen - die Sommersprossen.
"Nein!" Jetzt muß Maren lachen. "Das ist keine Krankheit."
Ungläubig nähern sich ihr die Kinder, tasten mit den Fingerspitzen nach ihrem Arm, zucken bei der Berührung wie elektrisiert zusammen und bringen sich schnell wieder außer Reichweite.Wir verabschieden uns lachend. Während wir den Wagen besteigen, folgen uns erwartungsvolle Augen. Ich stutze, bedanke mich, winke zum Gruß. Niemand reagiert. Ich lasse den Motor an. Als ich wieder aufsehe, klebt eine Menschentraube am Wagen, drückt ihre Nasen platt, späht durch alle Fenster hinein. Ich bin ratlos. Dann kommt mir ein Einfall. Meine Uhr! Ich nehme sie ab, schüttele sie und halte sie ans Ohr. Nur das Rauschen meines eigenen Blutes. Kurz entschlossen gebe ich dem kleinen Mann das leblose Ding, dessen Augen jetzt reglos stehen.
Sein Gesicht hellt sich auf, als er die Uhr nimmt. Er führt sie liebevoll ans Ohr. Schon schäme ich mich, ihm etwas so Nutzloses geschenkt zu haben. Aber sein Mund verbreitert sich zu einem Grinsen. Er nickt mir zu, drückt die Uhr an sein Ohr, nickt. Und er lacht wieder los, lacht, bis alle um ihn herum lachen. Einer nach dem anderen hört an der Uhr und nickt. Läuft sie nun doch? Ich hätte sie gerne noch einmal, um es zu überprüfen, schlucke aber den Ärger herunter, lege den Gang ein und fahre weiter. Wie spät es jetzt sein mag?

© Andreas Kirchgäßner

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