Verpackt

Auszug aus dem Afrikaroman "Zeitverlust"

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Die Stirn an das hintere Seitenfenster gepreßt, so daß der Kopf von Schlagloch zu Schlagloch hart auf das Glas schlägt, starre ich hinaus. Hinter den Scheiben vibrieren die Bilder. Dieses Rot neben diesem Grün und dann das Violett verätzen mir die Augen. So ich aber die Augen schließe, um sie vor Verätzungen zu bewahren, tanzen unter den Lidern die gleichen Farben unvermindert grell.

Maren steuert den Bus durch tiefe Löcher. Er schwankt wie in Seenot. Ich fühle die Übelkeit kommen und ziehe die Vorhänge zu. Dämmerlicht. Im Inneren des Busses betrachte ich, was den Augen vertraut ist: Die Küchenzeile mit dem zweiflammigen Gasherd, für den es hierzulande kein Gas gibt. Schrank mit Töpfen, dessen Tür aus den Angeln gerissen wurde. Schrank mit Vorräten, durch die sich die Mäuse fressen. Trans-Sahara-Mäuse, denn sie haben sich bereits in Algerien als blinde Passagiere eingeschlichen und sofort ein Labyrinth von Gängen und Vorratskammern in die Isolierung genagt. Nächtelang wälzen wir uns seither, schlaflos vom ewigen Rascheln und Knacken im Styropor unter der Holzverkleidung.

Mein Blick fällt auf das Gepäcknetz mit den Schlafsäcken. Wärmeisolierung bis minus 10°C. Denke an damals. Und auf einmal sehe ich das Damals, unser Denken damals. Unsere Einbildung, die Afrika zu sehen meinte, bevor wir es gesehen hatten, die sich in immer eindeutigeren, schließlich selbstgewissen Bahnen bewegte. Eine Vision manifestierte sich in dem fahrenden Wohnzimmer. Noch immer ist sie in den Überresten sichtbar, wenn ich die porösen Leitungen des Wassersystems sehe, den lahmgelegten Kühlschrank, die Ruine eines Ventilators, den Bandsalat in der Kassettenkiste. Was zu sein aufgehört hat, erinnert weiterhin an die Vorstellung eines Seins und - untrennbar damit verbunden - an ihre Brutstätte.

Damals, ja.
Damals in Hamburg. Der PKW war verkauft, die Wohnung gekündigt. Die Gedanken hatten bereits die Gegenwart verlassen, waren vorausgeeilt und auf Reisen. In der Firma Streit wegen der Kündigungsfrist. Hundertmal hatte ich, der Vertrauensmann, die Kollegen über Kündigungsfristen aufgeklärt, jetzt verpaßte ich meine eigene. Man ließ mich jede Minute abarbeiten. Abwesend tippte ich inhaltslose Hieroglyphen in den PC. Alle Welt wollte mir anscheinend Auseinandersetzungen aufdrängen, die mich eigentlich gar nichts mehr angingen. Vor meinem inneren Auge erstreckte sich bereits die algerische Sahara, während man mich dezent darauf hinwies, daß ich mit diesem Führungszeugnis auch gleich den Beruf wechseln könne. Ich nickte und verließ, Regenwälder vor Augen, das Personalbüro.

In unserer Wohnung wurde ein Leben verpackt und in fremden Dachstühlen und Kellern verstaut. Es blieb nur das Allernotwendigste, eine funktionale Nacktheit, ein paar leere Regale, Stühle, der Küchentisch und zwei Handtücher. Anstelle dieser seelenlosen Schlafstätte betrachteten wir bereits den Innenraum unseres Busses als Heimat.

Wir dachten an Afrika, vor allem also an Durst. Ich konstruierte ein Filtersystem, das durch Leitungen aus den Dachkanistern gespeist wurde. Ihre Überreste hängen nun von der Decke wie Infusionsschläuche nach einer Notoperation.

Wir dachten an Essen und die Hungernden dort und verstauten neben dem Reis einen Zentnersack Getreide überm Radkasten. Dachten an Abwechslung und legten noch Spaghetti und Couscous dazu. Kauften Behälter für Frühstückseier und vergaßen auch Eierbecher nicht. Wir besorgten bruchfeste Gläser und sammelten auf Flohmärkten Emaille, bis sich ein weiterer Schrank nicht nur für den eigenen Bedarf, sondern auch für den Fall mehrerer Gäste mit Geschirr füllte. Dachten an Kühlung und bestückten den batteriebetriebenen Kühlschrank mit Butter, frischer Milch, Marmelade, Camembert und rohem Schinken. Mit Gemüse und Salat. Mit portioniertem Hackfleisch und Bier.Dachten an die langen Fahrten und installierten im Führerhaus eine Anlage und zwei Kopfhörer und horteten Kassetten. Unserem Reiseziel entsprechend bestanden sie größtenteils aus traditionell afrikanischem Repertoire. So würden die Klänge im Inneren aufs Beste mit dem hinter den Scheiben vorbeiziehenden Anblick Afrikas harmonieren.

An das Armaturenbrett schraubte ich Getränkehalter, einen für Maren, einen für mich. In der Mitte einen Ventilator, 12-Volt-betrieben und selbstschwenkend. Seinen frischen Atem sollte er, so tüftelte ich aus, paritätisch auf uns beide verteilen.
Im Schrank neben dem Spülbecken verstauten wir viel Seife und zehn Liter Shampoo und zwanzig Tuben Zahnpasta und fünfzehn Deodorants und eine ordentliche Anzahl Handtücher und Waschlappen. Beim Einpacken sah ich den Bus - ich seh's noch heute - inmitten afrikanischer Massen, sah mich im Schutz seines Inneren ein Duschbad nehmen. Eingeschäumt von Kopf bis Fuß wollte ich in einer Schüssel stehen und das Wasser vom Dach über mich rinnen lassen, während die Welt draußen in Staub und Dreck versinkt.

Für die langen Abende packten wir Spiele ein, die verstauben, ohne daß wir je die Muße fänden, sie zu gebrauchen. Und Bücher, einen Schrank voll Bücher. Überhaupt jede Menge Papier. Immer wieder setze ich zu schreiben an, versuche Aufzeichnungen zu machen, um das Flüchtige einzufangen und festzuhalten. Doch jeder Satz, jede Zeile, nahezu jedes Wort will hier ausbrechen, sogar das Ungeschriebene erhebt sich und entwickelt eine rätselhafte, ungestüme Heftigkeit. Ich verabscheue solche rätselhaften Sachen. Aber sie unterlaufen mir, unterwandern mein Schreiben, und plötzlich bordet es über, wuchert ins Haltlose. Und so ist die Sammlung meiner Schriften nichts als ein Haufen Blätter voller fragmentarischer Skizzen. Ich habe begonnen, sie zum Anfachen der abendlichen Feuer, auf denen wir nun mangels Gas kochen, zu benutzen.

Einen Kompaß montierte ich ins Führerhaus. Als ich dann die große Kiste auf dem Dachgepäckträger verschraubte, in der sich ein zweiter, zerlegter Mercedes befand, Lüfterrad, Keilriemen, Kühler, Lichtmaschine, Anlasser, Wasserpumpe, Dieselpumpe, Dieselfilter, Einspritzpumpe, Kupplungsscheibe, Ölfilter, Sicherungen, Scheinwerfer, Glühbirnen, Dichtringe, Simmeringe, Stoßdämpfer, Hauptbremszylinder, Bremsleitung, Entlüftungsschrauben, verwirrte der Berg Eisen die Nadel des Kompaß von neuem. Norden wurde Westen, konnte aber auch Süden sein.

In Frankreich begann der Dachgepäckträger ins Dach zu sinken. Dazu hatte neben all dem anderen beigetragen, daß ich vorne vor den Wagen einen Rammschutz geschweißt. In der Mitte dieses Gestänges brachte ich eine Halterung an, in die ein wasserdichtes Plastikfaß mit Schraubdeckel paßte. In dieses Faß nämlich wollte ich die schmutzige Wäsche nebst Seifenwasser füllen, und alles zusammen sollte bei schaukelnden Fahrten die ideale Waschmaschine sein.

In Spanien mußten wir all unser Gepäck noch einmal sondieren. Um überhaupt bis Algeciras zu kommen, wurden Reservereifen, Ersatzteile und meine Schreibmaschine großzügig verschenkt. Nicht großzügig genug, wie sich in Tamanrasset herausstellte. Auch nachdem wir weitere Habseligkeiten in der Wüste zurückließen, brach die letzte unserer Ersatzfedern.

Seither erleben wir einen rasanten Verfall. Der vermeintliche Zirkulus von Zerstörung, provisorischer Reparatur und zögerlichem Abspecken ist in Wahrheit kein fortdauernder Kreislauf, sondern die Bewegung einer ablaufenden Uhr. Mit jeder Umdrehung bewegen wir uns dem Ende unseres Fahrzeugs, dem Verlust unserer Habseligkeiten und damit dem Endpunkt dieser Reise entgegen. Das Absurdeste daran ist, daß wir nicht an den Gefahren der Fremde scheitern, sondern am erdrückenden Gewicht, das wir mit uns schleppen. Es läßt sich nicht mehr abschütteln, begräbt uns langsam.

©Andreas Kirchgäßner

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