Ein Reiseessay von Andreas Kirchgäßner

 

Der Preis des Perlhuhns

 

Wir fallen aus den Wolken. Die Schlieren zerreißen, geben den Blick auf eine Welt frei, die soeben gewaschen wurde. Die Nässe glitzert. Üppige Vegetation ergießt sich über die rote Erde. Mein Herz hämmert. Natürlich gibt es sie immer noch, diese Welt, obwohl sie in sechs Jahren Erinnerung verblaßte. Da sind die Dörfer, die Plätze, dann ein Meer von blechgedeckten Häusern, Betonbauten, offene Kanalisationsgräben, die fluoreszierenden Pulsadern der Straßen. Das Geknäuel der Autos. Verrostete Taxis durch Schlaglöcher humpelnd. Große Schüsseln balancieren auf Frauenköpfen. Und das Bild zerreißt. Der Aufprall ist hart. Wir rollen.

Über dem Flughafengebäude steht "Murtala Muhammed Airport". Wir sind nicht in Accra, sondern in Lagos gelandet, der Stadt, die ich immer zu meiden suchte. Bewaffnete Raubüberfälle am hellichten Tag. Verkehrstote überrollt, bis sie nur noch eine Schicht auf dem Asphalt sind. Die Stadt ein Moloch, deren Einwohnerzahl auf 10 Millionen geschätzt wird, obwohl niemand mehr da ist, der sie zählen könnte. Die nigerianische Regierung hat sich aus dem Staub gemacht und kurzerhand anderswo eine neue Hauptstadt gebaut.

Möglichst gelassen lächele ich meiner vierjährigen Tochter zu. Nicht umsonst habe ich den gehörigen Aufpreis bezahlt, um sicher und pünktlich dorthin zu kommen, wohin ich gebucht habe. Und prompt ertönt die sonore Stimme des Kapitäns: "...ein kurzer Zwischenstop ... Ankunft in Accra verspätet sich um etwa 20 Minuten ..." Dann aber, indem aus 20 Minuten eine Stunde wird, werden die Durchsagen konfuser. Man entschuldige sich, aber man werde festgehalten. All dies gehe nicht auf Kosten der Fluggesellschaft, sondern die nigerianischen Behörden, in deren Territorium man sich befinde, verweigerten den Weiterflug. Man sei zur irregulären Aufnahme neuer Fluggäste gezwungen ...

Nach einer weiteren halben Stunde beginnen hektische Stewardessen, die Passagiere zu zählen. Eine Unmöglichkeit. Ein Toilettenverbot muß verhängt werden. Man habe den Überblick über die Anzahl der Passagiere verloren, erklärt die gequälte Stimme des Piloten. Die theoretische Zahl stimme mit der gezählten auf unerklärliche Weise nicht mehr überein. "Afrika!" denke ich unwillkürlich.

"Warum schreien alle so?" fragt meine Tochter und steigt begeistert auf ihren Sitz. Vornehme Afrikaner springen auf und fordern die Flugbegleitung ultimativ auf, zu starten. Man fliege schließlich nicht mit einer Dritte-Welt-Gesellschaft! "Shame to all Nigerians!" schreit ein Familienvater mit Ashantimütze. Prompt erheben sich einzelne Nigerianer.

Und während meine Tochter auf den Zehenspitzen stehend die hin- und hergerufenen Sätze in der Business class verfolgt, beginne ich mit dem Nigerianer im feinen Haussagewand, der neben mir Platz genommen hat, ein Gespräch. Er ist Professor für Politologie, arbeitet für die nigerianische Regierung, ja, es ist ein Regime, auch er wünscht sich Demokratie. Wir reden über Abiola und die Zeit danach. Dann fragt er nach mir. Und in der weiteren Stunde, die das Flugzeug auf dem Murtala Muhammed Flughafen steht, während draußen nigerianische Gepäckträger auf den Wagen schlummern, schildere ich ihm das Projekt, für das das Auswärtige Amt mir einen Zuschuß gewährt hat:

Recherchen über die Ursachen eines ethnischen Konfliktes in Afrika. Ich habe nicht Ruanda, sondern das Musterland Ghana gewählt, d.h. eigentlich habe nicht ich den Ort, sondern der Ort hat mich gewählt. Das ist eine besondere Geschichte, die ich ihm genau erzähle, weil sie mich nie weider losgelassen hat:

Mein ghanaischer Freund Thomas führte mich vor sechs Jahren in ein Dagomba-Dorf im Nordosten Ghanas. Er behauptete, dort hätte ich eine Mission zu erfüllen. Der Ort Adibo, ein armseliges Dörfchen ohne fließend Wasser oder Strom, aber mit einer solch exorbitanten Zahl von Kindern, daß niemand mehr ihrer Herr wurde. Sie hatten uns eingekreist und unter Geschrei und Gebettel zur Palaver-Hütte begleitet. Dort warteten wir lange, denn die Dorfältesten schliefen. Später saßen wir in der niedrigen Hütte einer Reihe von alt-ehrwürdigen Männern gegenüber. Die zwei Eingänge, einzige Licht- und Luftzufuhr in den Raum, waren von Kindern verstopft. Jemand reichte dem Dorfchef seinen jüngsten Enkel herein, der umgehend über sein kostbares Dagomba-Gewand erbrach. Thomas saß von all dem ungerührt zwischen uns und dolmetschte. Ich sei nicht der erste Deutsche, der in Adibo auftaucht. Hundert Jahre zuvor seien schon einmal Männer meines Volkes da gewesen, nicht in der Palaver-Hütte, sondern auf dem Feld vor dem Dorf. Und nicht zur Unterredung, sondern um ein ganzes Dagombaheer mit ihren Feuerwaffen niederzukartätschen. Der Dagomba-Führer sei unverwundbar für die Kugeln gewesen. Die Deutschen hätten ihn mit Steinen erschlagen. Noch immer fänden Bauern Spuren dieses Massakers bei der Feldarbeit.

Endlich führten sie mich aus dem stickigen Raum hinaus und zeigten mir das Grab des Führers unter einem mächtigen Baobab, und auf einmal wurde die Horde Kinder ganz still und alle Gesichter ganz ernst, und es war, als sei hier der Führer erst gestern ums Leben gekommen. In diesem Moment, am Grab des Dagomba, wurde mir klar, daß Zeit hier eine andere Dimension hat. Eilig suchte ich Worte des Bedauerns, entschuldigte mich für die Männer meines Stammes und wünschte, sie wären in ihrem Stammesgebiet geblieben und nie hier her gekommen. Auf meine kurze Rede folgte eine lange Beratung. Die Alten taxierten mich mißtrauisch, so daß ich befürchtete, nicht die richtigen Worte gefunden zu haben. Dann endlich erhob der Chef des Dorfes seine Stimme und erklärte, daß sie meine Entschuldigung annehmen und den Ahnen übermitteln werden.

"Überall in Afrika haben die Kolonialisten offene Wunden hinterlassen", doziert der Haussa-Professor. Aber nicht überall wurde hundert Jahre danach der selbe Ort erneut zerstört, die Bewohner getötet oder vertrieben. Diesmal von Bewohnern benachbarter, bis dahin befreundeter Dörfer. "Perlhuhnkrieg" nennen die Ghanaer den Ethnozid, der im Februar 1994 28 Tage lang zwischen Dagombas, Gonjas, Nanumbas und Konkombas wütete. Der Name geht auf einen Streit im Dorf Napaili bei Bimbilla zurück. Es ging um den Preis eines Perlhuhns. Ein Konkomba fühlte sich geprellt. Er erschlug seinen Konkurrenten, einen Nanumba. Das ließ dessen Angehörige nicht ruhen, bis sie blutig Rache genommen hatten. Und so zog ein Greuel den nächsten nach sich. Alte Bündnisse und Feindschaften wurden erneuert. Marodierende Konkombas, bewaffnet mit Pfeil und Bogen, Knüppeln und Macheten, mit Schrotflinten, Jagdgewehren und sogar AK47 überzogen die ganze Region mit einem Krieg von beispielloser Grausamkeit. Sie legten auf Fahrrädern weite Entfernungen über die brettflache und ausgedörrte Savanne zurück, brannten Dörfer und Farmen gegnerischer Ethnien nieder, vernichteten Saatgut und Yamskeimlinge, erschlugen die, die noch nicht geflohen waren. Mit sich führten sie Landkarten, auf denen sie das von ihnen beanspruchte Territorium markiert hatten.

Es dauerte ein paar Tage, bis die überraschten Nanumbas, Gonjas und vor allem die größte Ethnie der Dagombas ihre Leute mobilisiert hatten. Dann aber gab es kein Halten mehr. Sämtliche Angehörigen der Konkombas mußten fliehen oder wurden bestialisch umgebracht. Gemischtethnische Ehen wurden auseinandergerissen, Häuser und Einrichtungen der Konkombas niedergebrannt. Was diese als Territorialkrieg begonnen hatten, beantworteten Dagombas und ihre Verbündeten mit einem Ethnozid. Eine deutliche Parallele zum Hutu-Tutsi-Konflikt in Ruanda. Allerdings stand in Nordghana - im Gegensatz zu Ruanda - die Regierung auf keiner Seite. Sie zeichnete sich zunächst durch Untätigkeit und Gewährenlassen aus. Dann, mit einer Woche Verspätung, trafen die chronisch unterbezahlten und schlecht bewaffneten Regierungstruppen ein. Oft teilten sich zwei Soldaten ein Gewehr. So dauerte es einen ganzen Monat, bis das massenhafte Morden ein Ende fand.

Während unsere Maschine sich in den nächtlichen Himmel erhebt, wird mein Gesprächspartner immer ungeduldiger. Wovon ich erzähle, seien die Taten zurückgebliebener, unzivilisierter Horden. In ihrer Unwissenheit und ihrem sozialen Elend fänden sie nur noch das Ventil des Rassismus. "So wie bei euch in Ostdeutschland" fügt er zufrieden grinsend hinzu. Er kennt sich aus. Ich sehe aus dem Fenster. Die Dunkelheit verschluckt die wenigen, spärlichen Lichter dort unten.

 

Am Flughafen Accra sind die düsteren Gedanken schnell verdrängt. Eine Phalanx hellwacher, quirliger Gestalten drängt auf uns ein. Ein kritischer Moment, in dem wir mit unserem europäischen Wunsch scheitern, Herr der Lage zu sein. Meine Strategie besteht darin, keinen Anspruch mehr auf Souveränität zu erheben, sondern mich lediglich noch als Treibgut zu betrachten. Ich versuche - erst zaghaft - ein Lächeln. Noch ist die Angst da, es könnte als Grinsen verstanden werden. Aber im Handumdrehen bin ich im Sog der Menschen, eingesponnen in einen Kokon von Sprüchen und Scherzen, schnackenden Fingern, schnalzenden Mündern. Ich treibe, werde hinausgeschwemmt. Das Taxi reduziert auf seinen blechernen Korpus. Die Preisdiskussion eine Glaubensfrage. Die gespielte Empörung des Taxifahrers. Ich wende mich zum Gehen, er ruft mich zurück. Der Streit wie weggeblasen. Er lächelt mich unbefangen an, diese entwaffnende afrikanische Freundlichkeit. Und schon holpern wir auf dem zerfressenen Asphalt durch Accra, auf dem Weg zu dem Hotel, laut Reiseführer mit Swimmingpool. Die Fassade ist frisch gekälkt. Dahinter jedoch zerfällt das Gebäude. Das Schwimmbad ist ein Becken in Olympiamaßen, mit Zehn-Meter-Brett - und alles Ruine, Abglanz einer Zeit, die ich mir nicht vorstellen kann. Alles zerfällt und wird nur noch provisorisch zusammengehalten. Auch das Improvisierte löst sich auf und wird durch neue Provisorien ersetzt. Schicht für Schicht läßt sich die endlose Reihe vergeblicher Versuche zurückverfolgen, Sisyphos war ein Waisenknabe dagegen. Und doch stellt sich nicht das deprimierende Gefühl des Elends ein. Es wird überlagert vom Reichtum an Wärme, an spielerischer Möglichkeit, der Freude am Absurden. Ich habe noch nirgendwo Menschen so viel über ihre aussichtslose Lage lachen gesehen, wie hier.

Die nächsten Tage, die Hitze, das Licht. Unwillkürlich tänzele ich. In meinen anderen Leben bin ich weiß Gott kein Tänzer. Hier werde ich geradezu zwangsläufig einer. Ich spüre die Schwere meines Körpers, meiner Bewegungen. Nie war ich mir meiner Häßlichkeit und Unbeweglichkeit bewußter. Hier aber ist mein Stolpern nicht mehr Ungeschicklichkeit, sondern ein mir eigener Tanzschritt. Nirgendwo scheine ich meinen Möglichkeiten näher zu sein, als in dieser unbegreiflichen Fremde. Später zwänge ich mich durch den von Menschen und Waren verstopften Markt. Von allen Seiten werden mir unverständliche Laute zugerufen. Ich rufe zurück, Gedanken, Assoziationen, alles, was mir gerade durch den Kopf geht. Eine Art parler automatique. Die Leute freuen sich, antworten wiederum mit Unverständlichem. Und wir wissen alle nicht, warum wir uns freuen. Ein Glück, das keinen Grund hat, dem daher der Grund auch nicht entzogen werden kann. Wie soll ich es Euch erklären? Ich tanze.

Meiner Tochter gefällt das Taxifahren. Dauernd in neue Blechlauben zu steigen, sich auf zerfetzte Sitze zu quetschen, umgeben von der nackten Karosserie. "Warum ist das Fenster zerbrochen?" fragt sie ein ums andere Mal, während wir von den Schlaglöchern herumgeworfen werden. Gehen mag sie in der Sonne nicht. Also trage ich sie meistens auf den Schultern - für die Afrikaner ein erstaunlicher Anblick: Kinder trägt man auf dem Rücken, Lasten auf dem Kopf. Aber auf den Schultern...? Meine Tochter zeigt mir von dort oben, was ihr auffällt. D.h., sie zeigt mir pausenlos irgend etwas. So reagiere ich auch nicht sofort, als sie mich in der Nähe unseres Hotels fragt, warum der Mann, der da liegt, Fliegen im Mund hat. "Er ist vielleicht krank", sage ich. "Die Fliegen sind auch auf seinen Augen!" antwortet sie, und kann sich vom Anblick nicht losreißen. Ich gehe eilig weiter. Aber dem Mann können wir nicht mehr ausweichen. Am nächsten Tag hat sich die Zahl der Fliegen vervielfacht. Jemand hat ein Stück Pappe über seinen Bauch geworfen, als benötigte er noch eine Zudecke. Am dritten Tag erfaßt mich - im Gegensatz zu meiner Tochter - Entsetzen. Ich bahne mir einen Weg durch den dichten Verkehr, teile dem Verkehrspolizisten mit den blütenweißen Handschuhen mit, daß da ein Toter liegt. Irritiert sieht er mich an: "Das ist doch nichts neues. Der liegt doch schon seit Tagen da!" Ich entschuldige mich und gehe.

Der Bus nach Norden gräbt sich im Schrittempo durch die Schlaglöcher. Der Verschleiß schreitet hörbar voran. In stoischer Ruhe und bald darauf gar schlafend werden die Fahrgäste hin- und hergerissen und von den dröhnenden Schlägen erschüttert. Sie alle reisen in ihren besten Kleidern, bunt und geschmückt oder herausgeputzt europäisch. Afrikanische Business class. Auch wir sind zuversichtlich. An Sicherheit und Komfort suchen die ghanaischen Busse der State Transport Corporation in Afrika ihres Gleichen. Der über dem Fahrer prangende Spruch "God is my provider!" wird für den Rest an Sicherheit sorgen. Solche Beschwörungsformeln sind sehr verbreitet. "Relax, god is in control!", "Don't worry, your miracle is on the way!", oder schlicht "Jesus up, Satan down!" zieren in großen Lettern die Fahrzeuge.

Ich lasse die Gedanken mit der offenen Landschaft ziehen. Der Wald wird zum Busch. Die ersten Baobabs stehen wie trotzige Riesen in der Ebene. Im Norden ist das Land dünn besiedelt und nur extensiv landwirtschaftlich genutzt. Hier ein paar Yamshügel, dort ein paar Maniok-Sträucher neben steinzeitlichen Lehmdörfern mit Rundhütten. Dann wieder flache, verwilderte Savanne, ein Ort wie der andere. Und plötzlich an den Marktflecken das überbordende Getümmel. Wo immer der Bus hält, schwappt das Leben herein. Fufu mit Soße, Kochbananen, Fleischspieße, Eiswasser, Orangen und Kaugummis wechseln ihre Besitzer. Dann schließen die Türen, sie sperren die Welt der Töne und Gerüche aus und es bleibt Kontemplation. Meine Tochter schläft. Das Geruckel und Gerüttel beginnt von neuem. Ich sehe hinaus und denke an damals. Hinter der gläsernen Trennwand und verwoben mit fernen Erinnerungen erscheint der Busch sentimental schön, wie in einem jener Fernsehfilme, die die Wildnis in unsere Wohnzimmer holen.

Tamale. Ich habe die Stadt im Norden Ghanas als eine der heißesten und staubigsten Westafrikas in Erinnerung. Jetzt, in der Regenzeit, hat sie sich in eine riesige Schlammpfütze verwandelt. Auf den aufgerissenen und gefluteten Straßen tummeln sich Kinder, Radfahrer, Ziegen, ganze Kuherden der Fulani, und unbeschreibliche Taxis. Dieser Ort ist alles andere als schön. Sein Charme erschließt sich nur dem, der Zugang zu seinen Menschen findet. Kein leichtes Unterfangen beim spröden, verschlossenen Menschenschlag des Nordens. Ich habe Glück.

Aisha ist die Angestellte in unserer Unterkunft. Eine gestandene, unkomplizierte Frau in mittlerem Alter, ein gutes Gesicht, fast schwarze Haut, ein stämmiger Körper, den sie mit bemerkenswerter Leichtigkeit bewegt, ihr Lachen stets auf dem Sprung. Eine Dagomba und wie viele Dagombas Muslimin. Sie ist Rezeptionistin, Bardame, Zimmerservice, Putzfrau, Ratgeberin. Nichts, was sie uns nicht vermitteln könnte: einen Schneider, einen Taxifahrer, Produkte der Garküchen, einen Spezialisten für Gaskartuschen. Ihr Bier trinkt sie am liebsten durch den Strohhalm. Wir werden schnell warm miteinander und dann erzählt sie mir ihren Lebenslauf, einen, wie ich ihn hier schon oft gehört habe: verheiratet, zwei Kinder. Der Mann behandelte sie schlecht. Da hat sie ihn verlassen. Jetzt leben ihre beiden Kinder bei Verwandten. Gelegentlich kommen sie auf den Hof. Aisha steckt ihnen dann etwas Essen oder Geld zu, und schon sind sie wieder verschwunden. Eine erstaunlich sachliche Mutter-Kind-Beziehung.

"Was war los damals?" frage ich sie nach ein paar Tagen und vielen holprigen, aber unbefangenen Gesprächen. Sie zögert, taxiert mich. "Konkombas!" antwortet sie, als sei das schon die ganze Erklärung.

"Was ist mit denen?" Auf einmal ist ihre beschwingte Leichtigkeit verflogen. Jetzt spricht sie wie durch zusammengebissene Zähne. Diese Konkombas seien Fremde, Ausländer aus dem feindlichen Nachbarland Togo. Man habe sie mit aller Gastfreundschaft behandelt, habe ihnen Land zur Verfügung gestellt, auf dem sie wohnen und ihren Yams anbauen konnten. Aber sie hätten das Gastrecht mißbraucht und Ansprüche auf das Land erhoben. Mit togoischer Waffenhilfe wollten sie es sich gewaltsam aneignen und die anderen Stämme vertreiben. "Das haben wir verhindert! Hier wirst du keine Konkombas mehr finden!"

Auf die Frage, wann die Konkombas in das Land der Dagombas und Gonjas einwanderten, weiß sie keine Antwort. In einer Gegend, in der das Messen der Zeit, das Zählen der Jahre keine Bedeutung hat und viele Dorfbewohner nicht einmal wissen, wie alt sie sind, mag die Frage seltsam klingen. Der Überlieferung nach liegt die Einwanderung der Konkombas jedoch 400 Jahre zurück, also noch vor der Ankunft der Europäer und natürlich lange vor Gründung der Republik Ghana oder dem Nachbarstaat Togo. Als ich Aisha darauf hinweise, sehe ich förmlich, wie sie all das, was sie noch sagen will, herunterschluckt. Diese Dinge, so kündigt sie an, werden mir andere erklären.

Am Abend verstellen mir zwei moslemisch gekleidete Gestalten den Weg. Zunächst nehme ich sie kaum zur Kenntnis. Aber die beiden Männer geben beharrlich zu verstehen, daß sie zum Reden lieber sitzen und ihre Kehlen schon ganz trocken sind. Sie seien nämlich Vertreter des lokalen Na. Ich ordere Limonade, denn es handelt sich um Mohammedaner. Sie sind unzufrieden, denn sie bevorzugen Bier. Ich bestelle eilig zwei Bier. Ob ich wisse, wer der Na ist. Der traditionelle Chef hier. Ohne sein Einverständnis gehe nichts im Stadtteil. Ich bestelle gleich noch zwei Flaschen. Jetzt sehen sie schon zufriedener aus.

"Soviel zu uns. Wer aber bist du?" fragen sie, nachdem sie die ersten Flaschen mit ein paar tiefen Zügen geleert und die neuen geöffnet haben.

"Ich komme aus Deutschland".

"Ein weiter Weg!"

"Ein sehr weiter Weg!" sage ich, und denke an die Strapazen der Anreise. Der größere der beiden gibt dem kleineren ein Zeichen. Dann nimmt er mich ins Visier. Die eben noch vorherrschende Freundlichkeit weicht.

"Wozu dieser weite Weg?" fragt er.

"Ich will unter den Deutschen ein Verständnis für Afrika wecken!"

"Und dazu dient dir gerade der Perlhuhnkrieg?" fragt er bedrohlich, und ich spüre eine tiefe Verletztheit. In seinen Worten klingt, was er nicht sagt: Daß er sich von keinem Weißen mehr wird hinters Licht führen lassen. Daß er unsere wahren Beweggründe kennt. Und daß er weiß, wie niederträchtig sie sind.

Ich versuche, seinem Blick standzuhalten und meinen Worten die nötige Gelassenheit zu geben: "Seit Ruanda versteht kein Mensch im Westen mehr, was hier vorgeht. Ich würde es ihnen gerne erklären. Dazu muß ich es verstehen."

"Du weidest dich an unserem Elend!" bricht es aus ihm heraus. Ich schlucke. Natürlich habe ich in meiner süddeutschen Wohnung gesessen, als hier die Hütten abbrannten. Ich habe keine Toten zu beklagen.

"Ich will dir sagen, warum du hier bist", fährt er unbeirrt fort. "Du willst ein Geschäft auf unsere Kosten machen. Nebenbei sprichst du die Weißen noch von jeder Schuld frei. Dabei wart ihr es, die in Kirchen Geld für den Angriff der Konkombas gesammelt haben. Manche von euren Priestern haben sogar Waffen für sie besorgt. Als wir zurückschlugen, habt ihr Konkombas in euren Kirchen versteckt und dachtet, wir würden es nicht wagen, sie anzuzünden. Aber unsere Geduld war erschöpft. Wir haben die Konkombas von hier vertrieben. Jeder Konkomba, wer auch immer er war, mußte verschwinden. Damit meine ich nicht nur aus Tamale, sondern von der Erdoberfläche."

Er nimmt einen weiteren gurgelnden Schluck aus seiner Flasche und fährt dann fort: "Und bildet euch ja nicht ein, daß wir mit ihren Steigbügelhaltern anders verfahren. Nimm dich in acht!"

Ohne noch meine Antwort abzuwarten erhebt er sich. Sein Kompagnon wäre gerne noch auf ein weiteres Bier geblieben. Aber der Große meint es ernst.

Als sie gegangen sind, sage ich Aisha, daß ich morgen abreisen werde. Vor ihr steht die zweite Flasche Guinness, die sie mit dem Strohhalm bereits weitgehend geleert hat. Sie sieht mich mit glasigen Augen an und legt ihre warme Hand auf meinen Arm und deutet auf den Stuhl neben ihrem. Dann kollern ihr die Worte aus dem Mund. An der Zunge kleben sie ein wenig.

"Du verstehst das nicht!" sagt sie. "Diese Konkombas sind nicht wie wir. Leben wie Tiere im Busch. Manche haben Hörner und Schwänze. Benutzen böses Jujus. Schlafen unter Bäumen. Nachts stehen sie auf und pflanzen Yams. Plötzlich sind sie da, verkaufen ihre Wurzeln und verschwinden wieder im Busch. Statt ihr Geld auszugeben, schlafen sie nur drauf." Aishas Blick schwimmt zu mir, als suchte er Halt. Als mich das Gesagte kaum beeindruckt, legt sie los, wie ich sie noch nie reden gehört habe:

"Ihre Mädchen sind Huren. Sie ficken, so früh sie können. Eine Frau ohne Baby gilt bei ihnen nichts. Die wollte ja noch keiner. Kannst du dir das vorstellen? Ein Volk voller Huren. Kein Chef, der sie führt. Kein Gott, an den sie glauben. Pegans, wenn du weißt, was das ist! Aber wir haben es ihnen gezeigt! Weißt du, was wir mit dem Konkomba-Lehrer in Salaga gemacht haben?" Aisha hält plötzlich inne. Am Rand des kleinen Innenhofes hat ein alter Mann Platz genommen. Im schwachen Licht funkeln seine kleinen Äuglein, während er belustigt ihren Ausführungen folgt.

"Was gibt's zu lachen, Mamprusi?" fährt Aisha ihn an. "Wir mußten die Drecksarbeit machen, während ihr euch feige versteckt habt!"

"Sag dem Weißen doch, was ihr mit dem Lehrer gemacht habt!" erwidert der Mann.

"Den Schwanz haben wir ihm abgeschnitten und um den Hals gehängt!" stößt Aisha hervor. "Den Schwanz!" Begeistert zeigt sie mir, wo bei dem Mann der Schwanz vorher, und wo er nachher war. Sie lacht voller Genugtuung, während ihre Finger die Form des Schwanzes am Hals nachzeichnen. Ihre Augen glühen: "Dann haben wir ihm die Haut abgezogen ..." Mein Magen zieht sich zusammen. "... und ihn ganz langsam getötet!" Ich habe genug gehört, bezahle wortlos das Bier und ziehe mich in unser Zimmer zurück. Meine Tochter schläft völlig entspannt. Morgen werde ich sie so schnell wie möglich hier wegbringen. In mein Notizbuch notiere ich:

"Offenbar besteht ein alter Haß gegen die Konkombas, weil sie ihre Tradition gegen die islamisierten Stämme bewahrt haben und trotz ihrer unhierarchischen Organisationsform wirtschaftlich erfolgreicher als die anderen sind. Sie werden künstlich von der politischen Macht und dem Recht auf Land ferngehalten. Im Krieg hat sich der ganze aufgestaute Neid auf ihre Potenz entladen!"

Es ist früher Morgen. Der klapprige Bus hält an der Ausfahrt von Tamale. Der Fahrer dreht sich nach mir um und gibt mir ein Zeichen. Draußen steht Aisha mit meinem Gaskocher. Ich habe ihn vergessen. Sie reicht ihn mir herein und hält noch einen Moment meine Hand, während ihre Augen meine suchen. Ich weiche ihrem Blick aus. Der Fahrer fährt ungeduldig an, Aisha winkt.

Wir sind auf dem Weg nach Osten ins ehemalige Kriegsgebiet. Meine Tochter schläft auf meinem Schoß. Ich sehe endlosen, gleichförmigen Busch, aus dem als einzige Abwechslung die Baobabs herausragen. Weit und breit ist das Land unbebaut. Der Krieg geht mir nicht aus dem Kopf. Bis Yendi - seit dem 16. Jahrhundert Königssitz des Ya-Na der Dagomba - waren die Konkombas auf ihrem Eroberungszug vorgedrungen. Erst als das Gerücht sich verbreitete, die Stadt werde angegriffen, holten die Dagombas mit ihrer ganzen zahlenmäßigen und logistischen Überlegenheit zum Gegenschlag aus. Die Konkombas zogen sich östlich von Yendi in den Busch zurück und führten eine Art Guerillakrieg. Das mag dazu beigetragen haben, daß Gonjas und Dagombas sich an alle Angehörigen der Konkombas hielten, derer sie habhaft wurden. Worum aber wurde wirklich gekämpft? Um dieses Niemandsland?

Das Geschrei von den hinteren Rängen des Busses dringt zu mir wie aus einer anderen Welt. Zunächst kann ich mich kaum entschließen, nach hinten zu sehen. Erst als mir der Qualm in die Nase sticht, fahre ich herum. Der Rückteil des Busses ist in schwarzen Wolken verschwunden, aus denen Flammen züngeln. Schreiende Passagiere stürzen über Sitze und Menschen. Jetzt erst bringt der Fahrer das brennende Gefährt zum Stehen - neben ein paar Treibstofftanks mit Pumpen darauf. Fenster fliegen auf und herausgeputzte Afrikaner springen in die Tiefe. Der Mittelgang ist von drängenden, schreienden, um sich schlagenden Menschen verstopft. Auf meinem Schoß schläft immer noch meine Tochter. Als ich sie hochreisse und meiner Nachbarin in die Arme drücke, wird sie sofort von Panik erfaßt. Ich hangele durchs Fenster hinaus - der einzige freie Ausweg. In meinem Kopf dreht sich alles um die bevorstehende Explosion des Treibstofftanks, um die davor verbleibende Zeit und die Bergung meiner Tochter. Aber draußen warte ich vergeblich, daß man sie mir anreicht. Ghanaer drängen mich beiseite, um die Gepäckklappen aufzureißen. Schätze, die wichtiger als Menschenleben zu sein scheinen, werden geborgen. Der Fahrer begutachtet nicht einmal den Brand. Er rollt den alten Reservereifen auf die Tankstelle. Später, wenn der Bus als Totalverlust abgeschrieben ist, wird er ihn zu Geld machen können. Alles zieht wie ein Alptraum an mir vorbei. Obwohl alle schreien, kann ich nicht schreien. Ich starre auf den Innenraum des Busses, der sich mit Qualm füllt. Dann drückt mir jemand meine Tochter in den Arm. Erleichtert bringe ich sie und unser Gepäck weg vom inzwischen lichterloh brennenden Fahrzeug, weg von den Treibstoffässern. Es wird kein Löschversuch unternommen. Alles scheint seinen vorgeschriebenen Lauf zu nehmen. Um den Bus herum wächst die Schar begeisterter Schaulustiger. Halbstarke Männer aus umliegenden Dörfern tanzen grölend um das Inferno. Die Gewalt des Ereignisses scheint ein Ventil zu öffnen. Es kommt zu Handgreiflichkeiten. Ein vollbesetzter Kleinbus stürzt in den Graben. Junge Männer mit bloßen Oberkörpern stehen in der Hitze des Feuers und dirigieren Tanklastzüge dicht an den Flammen vorbei. Es ist wie eine Sehnsucht nach Tod. Meine Tochter fragt, wo ihr Rucksack mit dem Bilderbuch und der Puppe geblieben ist. In den Flammen natürlich. Und während ich sie zu trösten versuche, scharen sich weitere Menschen um uns, neugierig, zudringlich. Ein paar Kinder fragen selbst jetzt nach Geschenken und beäugen begehrlich unser gerade gerettetes Gepäck.

Was habe ich hier zu suchen? Es gibt kein Verständnis! Es gibt noch nicht einmal eine Korrespondenz zwischen ihnen und mir, hier, wo vor vier Jahren Frauen gezwungen wurden, ihre Kinder zu töten, um schließlich selbst getötet zu werden; wo Babys mit dem Schädel gegen Bäume geschlagen wurden; wo Kinder in Tamales Straßen mit menschlichen Gliedmaßen spielten ... Hinter den Flammen flackert der Wahnsinn auf. Und zum ersten Mal fühle ich Haß in mir wachsen, stoße die Kinder zurück. Da tritt ein verrußter, älterer Mann auf mich zu und reicht mir den Rucksack mit dem Bilderbuch und der Puppe. Er hat sich in die Flammen gewagt und alles Liegengebliebene eingesammelt. Nun steht er neben mir und löst mit ein paar Handbewegungen unsere Belagerung auf. Wohin unsere Reise geht, fragt er. "Nach Adibo!"

"Adibo? Was will ein Oburoni da? Es muß einen Grund haben, wenn eine Kröte in die Sonne springt!"

"Spuren suchen! Meine Erinnerungen wurden von einem Krieg verschüttet!" erwidere ich sibyllinisch. Was ich über diesen Krieg denke, fragt er. Ich senke den Blick.

"Die entrechteten Konkombas wollten sich gewaltsam ihre Rechte sichern!" Der Alte lacht: "Welche Rechte?"

"Landrechte und einen Paramount-Chief!"

Er schüttelt amüsiert den Kopf: "Konkombas bebauen das Land seit langem, ohne daß ein Gecko deshalb auch nur mit dem Schwanz zuckte. Niemand außer ein paar Heuschrecken machte ihnen das Land streitig. Braucht man gegen Heuschrecken einen Paramount-Chief?"

"Traditionell besitzen Dagombas und Gonjas das Land!" beharre ich. "Sie beuten die Konkombas seit Jahrhunderten aus, erpressen sie und verweigern ihnen jede unparteiische Gerichtsbarkeit. Es blieb den Konkombas nichts, als der offene Kampf."

Der Mann lacht schallend. Beiläufig hält er mit einem Handzeichen ein überfülltes Buschtaxi an. Ein paar Jugendliche springen heraus und wuchten unser Gepäck aufs Dach. Der Mann nimmt ihren Platz im Bus ein und winkt uns neben sich. Man behandelt ihn mit Respekt. Die Jugendlichen bleiben oben beim Gepäck, während das Taxi durch Schlaglöcher knallt und ich beständig neue Brandherde wittere.

"Zweimal geschieht am selben Tag nicht das Selbe!" sagt der Mann, und ich höre auf, mich ängstlich umzusehen. Ich frage ihn, was er hier macht. Eine Frage, die um uns herum allgemeine Heiterkeit auslöst. "Er ist der Tendana!" wird mir bedeutet. Der "Hüter der Erde!"

"Du unterhältst dich mit einem Chamäleon über das Fliegenfangen mit langen Zungen!" sagt der Tendana lachend in der atemberaubenden Enge des Tro-tros.

"Es ist umgekehrt als du denkst", fährt er fort. "Früher herrschte der Ya-Na über sein Volk. Vom Land aber gehörten ihm nicht einmal die Flecken, auf denen seine Füße standen. Über das Land wachte der Tendana. Vor ihm verkleidete sich der Ya-Na als Bettler, denn nur der Tendana kannte die Geister der Erde. Aber auch er war nicht Landbesitzer, sondern Wächter des Erdheiligtums. Wer also besaß traditionell das Land? Die gefräßigen Termiten in ihren Burgen!"

"Was ist dann die Ursache des Krieges?" frage ich.

"Vielleicht bist Du viel zu weit gereist, und der Schweiß verschleiert dir die Augen. Denn erst deine weißen Väter haben dem Affen Appetit auf Schokolade gemacht. Sie haben den Ya-Na zum Paramount-Chief über die Konkombas erhoben und mit Besitzrechten über das Land ausgestattet. Unsinnige Rechte zwar, denn es gibt in dieser Gegend mehr Land als Hacken, um es zu bebauen. Und einen eigenen Paramount-Chief brauchen die Konkombas im Busch so dringend, wie die Maiskörner Mäuse brauchen. So denken zumindest die Mäuse. Und auch unter den Konkombas finden sich inzwischen genügend Mäuse, die in der Stadt wohnen und von Maisspeichern träumen."

Der Wagen hält ruckartig. Auch ohne meine Verwirrung hätte ich Adibo nicht wiedererkannt, aber der Tendana versichert mir, daß es hier ist. Ich bedanke mich bei ihm für die Worte, über die ich noch lange nachdenken kann. Dann stehen wir allein auf der schlammigen Piste. Die Lehmhütten Adibos sehen halb zerfallen aus, wie in allen Dörfern hier. Sie mögen vor vier Jahren zerstört worden sein. Nachdem sich vier Regenzeiten über sie ergossen haben, vermag ich nicht mehr auszumachen, welches die Spuren des Krieges, und welches die der Naturgewalten sind. Indem ich meine Tochter zwischen den Hütten herumtrage, suche ich nach etwas, woran sich meine Erinnerung festhaken könnte. Aber alles ist anders. Nichts steht mehr da, wo ich es erwarte. Auch die Palaver-Hütte kann ich nirgendwo mehr ausmachen. Und dann erst fällt mir auf, daß die Kinderschwemme fehlt, das überschwappende Leben, der Markt. Ein paar Alte lümmeln sich vor ihren Hütten. Ein paar Frauen kochen verdrossen auf Steinen ihr Essen. Ein paar Kinder wühlen im Dreck. Ich bitte einen blähbäuchigen Jungen, uns zum Dorfchef zu bringen. Er setzt sich widerwillig in Bewegung und bringt uns in eine zerfallene Hütte. Ein zerlumpter Mann begegnet uns mißtrauisch. "Vor sechs Jahren?" sagt er kopfschüttelnd, als fragte ich nach einer grauen Vorzeit. Damals sei er noch nicht Dorfchef gewesen. Er könne mir nicht weiterhelfen. Sollte ich jedoch Hilfsgüter für Adibo bringen, könne ich sie ihm getrost überlassen. Der Baobab draußen vor dem Dorf, unter dem einst der Dagomba-Führer Schatten fand, steht kahl. Die Ahnen werden keine Ruhe finden.

"Was wollen wir jetzt hier machen?" fragt meine Tochter, als wir wieder im Schlamm der Piste stehen. Ich weiß es selbst nicht mehr und halte Ausschau nach dem nächsten Buschtaxi, das uns zurück nach Yendi bringt.

 

© Andreas Kirchgäßner



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