Beispiel einer Schreibwerkstatt für „Spannende Geschichten“ 

Schreibwerkstatt mit dem Autor Andreas Kirchgäßner, Merdingen für 12 Schülerinnen und Schüler der Klasse 5, 6, 7 und 8 

nachmittags, 7 Termine à 90 min, 1 Termin 150 min

1.   Sitzung:

1.                 Schreibübung: Drehbuch der Sinne. Beschreibe den Weg in den Klassenraum ausschließlich sehend, hörend, riechend, schmeckend. Dabei Begegnung mit anderen einbeziehen (15 min).

2.                 Vorlesen (15 min).

3.                 Was reizt uns daran, Geschichten zu erfinden?

a)     Gott spielen. Der Mensch als einziges Wesen auf der Erde, das Leben „schöpferisch“ verdoppeln kann.

b)     Figuren stellvertretend für uns Dinge wagen/durchleben lassen. (Modelle zur Bewältigung unseres Daseins)

c)      Den Fragen, die uns ins Ungewisse, Dunkle führen, folgen, ohne selbst dabei unterzugehen. (Aristoteles: Kunst ist die Kunstform des Lebens.)

d)     Das Schreiben als Therapie.

e)     Geschichten sind keine Objekte. Sonst würden sie uns nicht berühren!

4.                 Frage: Was wäre für Euch eine spannende Geschichte, die Ihr gerne erzählen wolltet?

5.                 Schreibaufgabe: Am Beispiel einer Geschichtenidee: Charakterisiere die Hauptfigur möglichst mit Körper, Gefühl, Umfeld (Geschlecht, Alter, Aussehen, Wünsche, Hobbys, Ängste, Elternhaus)

6.                Einige Beispiele vorlesen: 15’

7.                 Hausaufgabe:

a) Jeder charakterisiert die Hauptfigur für eine Geschichte, die er erzählen will.

b) Jeder fertigt eine kurze Skizze einer spannenden Geschichte an. Noch nicht ausschreiben, nur Stichworte, damit ihr sie erzählen könnt.

2.   Sitzung:

1.      Ist den Teilnehmern in den letzten zwei Wochen eine „Geschichte“ über den Weg gelaufen?

Schreibübung:

Wählt einen Gegenstand in eurer Tasche.

Schreibe aus der Sicht des Gegenstandes, was er über seinen Besitzer denkt. Nicht verraten, wer der Gegenstand ist! (10 min).

Vorlesen (10 min) – Gegenstand erraten!

 Theorieexkurs Charaktere:

1.      Charaktere müssen dreidimensional/glaubhaft/lebendig sein.

- 1. Körper, 2. Psyche, 3. Umfeld

2.      Hauptfiguren durch den Alltag begleiten. Die Figuren begleiten Euch.

3.      Recherche: Durch Interviews und Beobachtungen mit fremden Welten vertraut machen! Sich in fremde Befindlichkeiten einfühlen.

4.      Das Wissen über Eure Figuren bleibt zum größten Teil Backstory. Ihr müsst sie kennen, aber nur das Notwendigste über sie schreiben.

5.      Ihr müsst wissen, was die größte (heimliche?) Sehnsucht eurer Figur ist.

6.      Ihr müsst wissen, was die größte (heimliche?) Angst eurer Figur ist.

7.      Jede Figur hat etwas, was sie für wichtig genug hält, um in der Welt jemand wichtiges zu sein.

8.      Jede Figur hat eine Achillesferse, an der sie besonders wehrlos und verwundbar ist. An dieser Stelle wird der Gegenspieler eure Figur angreifen!

9.      Gut gewählte Charaktere sind nicht glatt, sondern voller eigener Widersprüche.

10. Sie dürfen keinesfalls zufällig oder beliebig gewählt sein, sondern ihre Aufgabe ist es, kompromisslos für ihre Position einzutreten. (Welche, ergibt sich aus der Prämisse.)

11. Unentschiedene Hauptfiguren schwächen den Konflikt und damit die Geschichte.

12. Entschlossene und dreidimensionale Charaktere schreiben ihre Geschichte selbst.

Übung: Zweiergruppen bilden: Jeder erzählt dem anderen in 15’ seine Geschichte, ohne den Titel oder das Genre zu nennen.

Auswertung: Der Partner erzählt die Geschichte des anderen. Der Erfinder muss schweigen. Am Ende bekommt er selbst das Wort.

 

3. Sitzung

  1. Ist den Teilnehmern in der letzten Woche eine „Geschichte“ über den Weg gelaufen?
  2. Wer hat die Hauptfigur seiner Geschichte nach dem letzten Treffen weiterentwickelt?
  3. Handout „Figurenentwicklung“ verteilen.

Schreibübung : Erinnerung

a)     Handout „Schreibübung Erinnerung“ verteilen.

b)     Jeder hat schon einen echten Streit mit einem anderen Kind erlebt. Oft führt der Streit in eine richtige „Feindschaft“.

Erinnert Euch an den für Euch unangenehmsten Streit mit einem Feind oder einer Feindin und skizziert den Vorfall auf der Vorderseite eines Blattes. (5 min)

c)      Dreht das Blatt herum. Versucht, in der Ich-Form das Selbstbild Eures Widersachers aus seiner Sicht positiv zu beschreiben: Worin bin ich besonders gut? Was fällt mir leicht? Wer mag mich besonders gern? (2 min)

d)     Beschreibe kurz den Streit von Seite 1 in der Ich-Form aus der Sicht Eures Widersachers. (10 min)

e)     Den Streit vorlesen (10 min).

4.    Theorieexkurs Konflikt: Das Geheimnis des Dramatikers ...

5.    Handout „Konflikt“ verteilen!

6.    Fortsetzung weitere Geschichten: Der Partner erzählt die Geschichte des anderen. Der Erfinder muss schweigen. Am Ende bekommt er selbst das Wort.

 

  1. Aufgabe für Zuhause:

Was ist der zentrale Konflikt in Eurer Geschichte?

Beispiele:
Romeo und Julia: Liebe vs. Familienfede;
Hänsel und Gretel: Hunger vs. Fürsorgepflicht der Eltern;
Tintenblut: Reale Wirklichkeit vs. gedruckte Geschichte;
Harry Potter: Weiße Magie vs. schwarze Magie;

 

4. Sitzung

1.      Ist den Teilnehmern in der letzten Woche eine „Geschichte“ über den Weg gelaufen?

2.      Fragen zum Seminar?

3.      Wer hat den zentralen Konflikt in seiner Geschichte gefunden?

4.      Theorieexkurs:

Aristoteles Dreiakter

Heute: (an die Tafel schreiben)

1. Akt, Exposition (Enthüllung, bei der so viel enthüllt wird, wie der Leser wissen muss, um in die Geschichte reinzukommen),

2. Akt, Konfrontation (der zentrale Konflikt wandert Stufe für Stufe die Konflikttreppe hoch, bis es nicht mehr weitergeht und die Hauptfigur mit einer überraschenden Wendung eine Lösung findet.)

3. Akt, Auflösung (was die Hauptfigur aus ihrem Sieg und ihrer Erfahrung macht)

5.      Schreibübung: Geschichten bauen

a)                Handout „Schreibübung Geschichten bauen“ verteilen.

Aristoteles fand schon in der Antike heraus, dass eine Geschichte aus drei Teilen besteht:

  1. Anfang, 2. Mittelteil, 3. Auflösung

Schreibe für Deine Geschichte 3 Sätze für den Anfang, 3 Sätze für den Mittelteil, 3 Sätze für die Auflösung:

  1. Anfang / Einführung (die 6 Ws: Wer, warum, wo, wann, wie, was?)

Wann, wo und wie spielt Deine Geschichte?

Wer ist die Hauptfigur, wer der Gegenspieler und was sind ihre Ziele?

Warum kommen sie in einen Konflikt und wie wollen sie den Konflikt lösen?

 

  1. Mittelteil / Konfrontation (der zentrale Konflikt steigert sich)

Entwicklung des Konflikts von schwach zu immer stärker.

Der Gegenspieler scheint gewonnen zu haben.

In letzter Not kommt die Hauptfigur doch noch auf eine Lösung.

 

  1. Auflösung (was die Hauptfigur aus der gewonnenen Auseinandersetzung macht)

Was macht sie mit dem besiegten Gegenspieler?

Wie kehrt sie nach Hause zurück?

Was kann sie ihren Freunden berichten?

b)                15’ schreiben

c)                 vorlesen und besprechen


5. Sitzung

1.      Ist den Teilnehmern in der letzten Woche eine „Geschichte“ über den Weg gelaufen?

2.      Fragen zum Seminar?

3.      Techniks: Abschlussveranstaltung 

4.      Was sind die drei Akte einer Geschichte?

5.      Theorieexkurs Heldenreise:

a)      Kreis anzeichnen.

b)                 Mythenforscher Joseph Campbell, der sein Leben lang Geschichten aller Kulturen und Epochen untersuchte, stieß dabei auf ein universelles Muster: Eine Art Urgeschichte, die er als eine Reise entlang der menschlichen Psyche beschrieb.

c)                  Diese Reise beginnt mit einem Ruf, der den Helden aus seiner Tagwelt lockt. Einer Welt, in der er sich in einem trügerischen Selbstbild komfortabel eingerichtet hatte.

d)                 Er überschreitet die Grenze zur Nachtwelt, ist zunächst nur irritiert, weil hier nichts so ist, wie er es kennt. Noch treibt ihn Neugier und ein scheinbar verlässliches Selbstbewusstsein, weiterzugehen. Doch die Nacht nimmt ihm die Orientierung. Er zaudert, überlegt umzukehren, verzweifelt und stolpert doch weiter. Unweigerlich landet er an einem Ort, von dem es keine Umkehr mehr gibt. Sein Handlungsspielraum verengt sich dramatisch: Er kann nur noch weiter- oder untergehen. Und der Held wäre nicht unser Held, wenn er nicht weiterginge. Doch er stürzt in das Reich des Todes.

e)                  Sein Kampf scheint umsonst, denn er stirbt. Im Tode aber begegnet er einer Seite, die er noch nicht kannte, weil sie tief in seinem Unterbewusstsein verborgen war: seine Nachtseite.

f)                   Mit ihr kann er als ein neuer auferstehen, neu, weil befreit vom trügerischen, alten  Selbstbild, neu, weil er jetzt seine eigentliche Aufgabe auf dieser Welt versteht. Indem er mit dieser Erkenntnis zurückkehrt in die Tagwelt, gibt er uns ein Beispiel.

g)                  Er ist zum Archetyp seiner Erfahrung geworden, einer Erfahrung, die uns Zuhörern und Lesern, die wir Tag für Tag Tode sterben, verspricht, dass es eine Neugeburt gibt. Dieses Versprechen macht Geschichten so unentbehrlich. Es gibt keine Kultur auf der Welt, die ohne Geschichten auskäme. Wir brauchen sie wie das Essen, das Trinken, den Schlaf und die Liebe.

  1.  Handout Heldenreise!
  1. Die Partner vom letzten Mal erzählen sich erneut ihre Geschichte, der Zuhörer stellt Verständnisfragen.
  2. Mit dem Erzählen beginnen, Autor muss schweigen, wir fragen.

 

  1. Hausaufgaben für das nächste Treffen:

a) Tragt die Punkte, die ihr in Eurer Geschichte findet, in die Heldenreise ein

b) Schreibt die Geschichte auf, soweit ihr kommt. Möglichst auf PC.

c) Gebt sie Eurem Partner zu lesen, besprecht euch, klärt Fragen.

d) Mailt oder schickt mir die überarbeiteten Geschichten.

6. Sitzung

1.      Ist den Teilnehmern in der letzten Woche eine „Geschichte“ über den Weg gelaufen?

2.      Fragen zum Seminar?

3.      Techniks: Abschlussveranstaltung! Wollen wir etwas zu trinken oder gar zu essen anbieten?

4.      Letztes Treffen vor der Vorführung: Bis dahin muss jeder, der etwas vorlesen will, mir seinen Entwurf geschickt haben (wie Annabel jetzt schon)

5.      Wer kennt noch die beiden Welten in der Heldenreise?

6.      Wer kann Punkte benennen? (Nicht ablesen!)

7.      Wer hat seine Geschichte aufgeschrieben?

8.      Einsammeln!

9.      Wer kommt mit seiner Geschichte NICHT klar?

10. Die ganze Geschichte in 10’ Erzählen!

 

6.      Hausaufgaben für das nächste Treffen:

b) Schreibt Eure Geschichte auf. Möglichst auf PC.

c) Gebt sie anderen Teilnehmern zu lesen, besprecht euch, klärt Fragen. (Ich erwarte, dass ihr auch Zeit für die Geschichten der anderen aufbringt!)

d) Mailt oder schickt mir die überarbeiteten Geschichten.

 

7. Sitzung

1.                  Fragen zum Seminar?

2.                  Wer kommt mit seiner Geschichte NICHT klar?

3.                  Will jemand nicht lesen?

4.                  Will jemand seine Geschichte nicht veröffentlichen?

5.                  Techniks: Abschlussveranstaltung  in der Bücherei nebenan!

a) Plakate verteilen! Jeder 4!

b) Ich besorge Sprudel und Apfelsaft, dazu Gläser.

d)                Ich fertige einen Reader an, den ich ca. 30x ausdrucke.

e)                Jeder, der im Reader veröffentlicht sein will, mir seinen Entwurf geschickt haben (wie Annabel, Vivian und Julia jetzt schon). Sei es handgeschrieben und per Post, sei es per eMail.

6.                  Wer hat seine Geschichte noch nicht vorgelesen oder mir geschickt? Bitte vorlesen!

7.                  Geschichten einsammeln!

8.                  Hausaufgaben für die Vorführung:

a) Überarbeitet Eure Geschichte. Möglichst auf PC.

b) Mailt oder schickt mir die überarbeiteten Geschichten: kirchi1@aol.com oder Andreas Kirchgäßner, Am Brückle 13, 79291 Merdingen

c) Verbessert die von mir korrigierte Geschichte und schickt sie mir zum Ausdrucken.

d) Wer eine lange Geschichte geschrieben hat, liest nur 3-4 Seiten vom Anfang. Wir verweisen dann auf den Reader.

e) Übt Eure Geschichten lesen! Übt, langsam zu lesen. Übt die Betonung. Kein Autor kann seinen Text ohne Übung vortragen, Ihr also auch nicht.

f) Kommt am Freitag, den 18.4. wenn möglich schon um 17.30 Uhr zum Aufbau und für letzte Proben!

g) Wer in der Zwischenzeit noch fragen hat, kann mich auch anrufen: 07668/7940