Der Geist, den du rufst

Ein Essayaus Essaouira,  von A. Kirchgäßner

- Du kannst Said treffen, sagt Mustafa. Aber du musst zahlen! Er ist ein Gnawi!

- Wie viel?

- Vielleicht 800. Höchstens 1500. Zahl nicht mehr!

Weder die abgewetzte Jeans, noch der ausgeleierter Pullover lassen ahnen, dass Mustafa hier, in der marokkanischen Hafenstadt Essaouira, ein angesehener El Hadj ist. Über seinen Holzwarenladen hat er engen Kontakt zu den Mitgliedern der Gnawa, einer sufischen Bruderschaft, die durch ihre stark rhythmisierte, ekstatische Musik von jeher Jazz- und Rockmusiker anzog. Doch eigentlich sind die Gnawa Geisterbeschwörer. In nächtelangen Ritualen tanzen ihre Patienten, bis sie in Trance fallen. Dann, in der kataleptischen Starre, treffen sie ihre Quälgeister, besänftigen sie mit Opfergaben und Räucherwerk. Eine Art Psychotherapie. Tagsüber aber arbeiten die Gnawa in ihren kleinen Werkstätten, bauen ihre Instrumente und Kunsthandwerk für Touristen: Dosen und Serviertengeber aus Thujaholz, Schachspiele und Schatzkästchen. Mustafa verkauft für sie die Ware. Er weiß, dass sie eigentlich nie Geld haben, weiß, dass sie das Geld, das er ihnen gibt, in Rauschmittel investieren. Wo Said ist, weiß er nicht. Wahrscheinlich schlafe er irgendwo den Rausch der letzten Nacht aus. Ohnehin, sagt Mustafa, muss ich zuerst Abdellah Guinea fragen. Denn ohne die Erlaubnis seines Meister darf Said nichts unternehmen.

Es wird komplizierter, als ich dachte. Meinem Hörfunkredakteur habe ich das Porträt des jungen Gnawa-Musikers Said schmackhaft gemacht. Said stehe am Anfang einer Karriere als Weltmusiker, habe ich geschwärmt. Vor sechs Jahren lernte ich ihn als kleines Mitglied in der Gruppe des Meisters Abdellah Guinea kennen. Jedes Jahr war er weiter aufgestiegen. Und dieses Jahr endlich geht er mit Jazzmusikern auf Tournee nach Frankreich.

- Wo also finde ich Abdellah?

Es mache ihm nichts aus, mich zu ihm zu bringen, sagt Mustafa. Seine Mine sagt das Gegenteil. Er geht sehr schnell voraus, und ich spüre seinen Widerwillen. Wir durchqueren den glitschigen Fischmarkt. Bullige Verkäufer stehen vor Brettern, die sich unter der Last der Seetiere biegen. Ich sehe sogar kleine Wale. Aber Mustafa drängt weiter. Durch verschachtelte Gänge stolpere ich hinter ihm her. Wir erreichten einen dunklen Hinterhof.

- Garage Abdellah!, sagt Mustafa. Wir stehen vor einer abgeschabten Tür. Kaum Licht dringt hier herab. Aus den benachbarten Häusern kommen Kinder herausgeflitzt, betrachten mich. Dann stehen Abdellah und einer seiner Trinkkumpane hinter uns. Abdellah ist so schwarz, dass die Dunkelheit ihn beinah unsichtbar macht. Fast ist er selbst ein mluk, einer der Geister, die er in seinen Zeremonien anruft. Ein langsamer, betrunkener Geist. Sein Alter kann ich nicht bestimmen, vielleicht ist er 40, vielleicht schon 60. Er stammt aus einer legendären Familie von Gnawameistern. Obwohl selbst bitterarm, hat er vor vielen Jahren den verwaisten Said aufgenommen und zum Musiker ausgebildet. Durch einen Sturz, den niemand behandelt hat, war Saids Gesicht damals schon entstellt. Doch Abdellah brauchte ihn wegen seines musikalischen Talents.


Abdellah schließt uns die Pforte zu seiner Holzwerkstatt auf. Mustafa verabschiedet sich eilig, während der Trinker, Abdellah und ich einige Stufen hinab in den unterirdischen Raum steigen. Er misst höchstens 2 x 2 Meter, und an den Wänden hängen vergilbte Bilder von Fußballspielern und Motorrädern. Ich frage Abdellah, ob er Sport treibt. Er lächelt sanft:

- La! Dazu sei sein Körper zu müde.

Nicht ein Holzspan liegt auf dem Boden. Hier wird schon Jahre nicht mehr gearbeitet. Abdellah sagt, wir sollen uns setzen. Er und der Trinkkumpan schieben sich Kästen unter. Geben mir auch einen. Dicht an dicht hocken wir in der Höhle. Abdellah holt gleich sein Kiff heraus, stopft eine Sipsi, raucht sie an und reicht sie an seinen Trinkkumpan weiter. Dann, nachdem er die Sipsi geraucht hat, beginnt der ausgemergelter Typ mit weicher Stimme zu reden. Er arbeite auf einem Fischkutter. In den frühen Morgenstunden erst sei er vom Fang zurückgekehrt.

- Gehörst du auch zu den Gnawa?

- Ja, sagt er. Er nehme an den Tranceritualen teil, weil ein mluk sich in seinem Kopf eingenistet habe. Bei den Ritualen tanze er, um den mluk zu besänftigen. Langsam nur kommen jetzt die Worte aus seinem Mund. Brocken Französisch vermengen sich mit Arabisch. Er tastet sich durch das Sprachgeröll:

„Wir sind Leute ... ohne Beine, ohne Hände, ohne Augen, ohne Gott. Krank sind wir, wir sind nichts, kaputt. Manche von uns fliehen, wollen fliehen, aber Fliehen ist Tod, ohne Körper, der Kopf sagt, wenn du fliehst, existierst du nicht mehr ... Wenn du schläfst, verlässt dich der Körper, jeder, der schläft, verschwindet. Wird zu Blumen. Es gibt Nachttiere, Insekten, Vögel, Fische, auch Haustiere, sie haben die gleiche Sprache wie du ...“

So spricht es aus ihm, und Abdellah nickt, trinkt Schnaps und raucht Kiff. Ich frage mich, ob er versteht, was der Fischer sagt. Ob er weiß, wovon er spricht. Oder ob er nur den Geist kennt, der ihm in die Zunge gefahren ist. Nächte lang hat er diesen Geist mit Räucherwerk und Musik besänftigen müssen. Und während er spricht und spricht, kommen Nachbarskinder und bringen Tee. Wir trinken, sitzen und horchen dem Sprechstrom.

Meine Beine schlafen ein und Kiff umnebelt mich. Ich muss pinkeln. Ich sage, dass ich neuen Tee holen werde. Sie nicken und ich trete heraus aus der engen Höhle. Draußen ist es bereits Nacht. Kühle Luft schlägt mir ins Gesicht. Ich suche nach einem Ort, an dem ich mich erleichtern kann. Frage im kleinen Laden um die Ecke nach einer Toilette. La, keine Toilette, sagt der Ladenbesitzer. Ich gehe weiter zur Teestube, ein Raum mit Matratzen an den Wänden und einem Gaskocher am Eingang. Ein Fischer schläft in der Ecke. Er hat noch seine Gummistiefel an. Ich bestelle Tee und frage nach einer Toilette.

- La! Gibt’s nicht!

Ich zahle und suche den Weg zurück in Abdellahs Höhle. Dort sitzt inzwischen auch der Händler, den ich nach der Toilette gefragt habe. Er hat seinen eigenen Kiff mitgebracht und wir trinken neuen Tee, reden, Stunde um Stunde. Meine Blase ist zum Platzen gefüllt. Ich frage Abdellah, ob ich ein Porträt von Said machen darf.

- Naam!, sagt er und ich weiß nicht, ob er mich verstanden hat. Ich zücke das Handy, um Said anzurufen. Aber hier gibt es keinen Empfang. Der Händler begleitet mich nach draußen. Leider, denn ich hatte vor, an die nächstbeste Wand zu pinkeln. Er nimmt mir das Handy ab, und ich gebe ihm Saids Nummer. Eine Minute später telefoniert er arabisch.

- Said kommt, sagt er und gibt mir das Handy zurück. Er führt mich zurück und ich hocke mich erneut auf die kleine Kiste, lausche dem unverständlichen Strom der Worte. Abdellah nippt vom Schnaps, lächelt mir zu. Ich versuche, zurückzulächeln. Aber mein „Geist“ hat sich in der Blase eingenistet. Er zerrt, frisst all meine Aufmerksamkeit. Ich nicke dem Fischer zu, obwohl ich ihm schon lange nicht mehr zuhöre. Dann nehme ich allen Mut zusammen:

- Gibt es hier eine Toilette?

Der Fischer unterbricht schlagartig seine metaphysischen Betrachtungen. Abdellahs Bewegungen werden unruhig. Er spricht mit den anderen. Ein heftiger, arabischer Wortwechsel.

- Ist das ein Problem, frage ich.

- Nein, kein Problem, überhaupt keins!

Abdellah geht hinaus. Seine Stimme wird hart und laut. Die Stimme des Nachbarn hält dagegen. Ich sage schnell, dass ich alleine eine Toilette finden werde.

In diesem Moment erscheint Said im Türrahmen. Sein Anblick beunruhigt mich, wie immer, wenn ich ihn treffe. Die Asymmetrie seines Gesichts. Etwas in ihm ist aus den Fugen geraten. Seine Nase, seine Zähne, seine Augen. Niemand kann erkennen, wohin er blickt. Abdellah erklärt ihm die Lage und Said lacht meckernd.

Abdellah führt mich hinüber zum Eingang des Nachbarn. Ein kräftiger Kerl, der mich an der Tür aufhält: Ich bin Abdellahs Gast. Also soll Abdellah sehen, wo er ein Klo findet. Abdellah besteht darauf, dass der Nachbarn mich einlässt. Der verschwindet im Inneren. Ich höre ihn fluchen. Dann ist er wieder da und drückt mir eine abgeschnittene Plastikflasche in die Hand. Da hinein soll ich pinkeln, deutet er mir an, und Abdellah entschuldigt sich, der Nachbar sei schlecht, ein böser Mensch.

- Kein Problem, sage ich, nehme die Flasche und beginne, mir den Hosenladen aufzuknöpfen. Es kommt mir vor, als strömten alle Bewohner des Viertels herbei, nur um mir zuzuschauen. Ich versuche, mich zu entspannen, denke, was sie über mich denken, einen Weißen, der in diesem Viertel in einem erleuchteten Hauseingang in eine Flasche pinkeln will, aber keinen Tropfen herausbringt. Ich versuche, nicht daran zu denken, an nichts zu denken, nicht ans Denken zu denken. Und während ich daran denke, dass es unmöglich ist, ans Nichtsdenken zu denken, läuft es. Endlich.

 Die Flasche in der Hand stehe ich unschlüssig im Durchgang. Wohin damit? Undenkbar, sie in Abdellahs Werkstatt mitzunehmen. Undenkbar auch, sie in der Wohnung des Nachbarn abzustellen. Da kommt Abdellah. Das Taxi sei da, sagt er. Wir fahren zu Said. Denn Said habe nur heute Zeit für ein Interview.

- Gut! Sehr gut! Was mach ich mit der Flasche?

Abdellah weist mit einer abfälligen Handbewegung neben die Tür des Nachbarn. Ich spüre, wie ihm diese Sache unangenehm ist. Ich schütte den Urin einfach neben den Türpfosten. Ich weiß, ein Fehler. Ein Riesenfehler. Abdellah brummt, der Nachbar kommt heraus, schreit, die Kinder kreischen, Said lacht, eine gebückte Frau bringt Wasser und schüttet es über meinen Urin. Ich entschuldige mich, doch sie sieht mich gar nicht an. Ich will helfen, frage nach mehr Wasser, aber keiner versteht mich.

- Das Taxi!, sagt Abdellah. Im Augenwinkel sehe ich den Nachbarn und die Frau immer noch Wasser über die Straße gießen.

Im Taxi reißt Said Witze. Auf Arabisch. Sogar der Taxifahrer lacht und betrachtet mich im Rückspiegel. Ich entschuldige mich nochmals. Abdellah sagt, er müsse sich entschuldigen, weil er kein Klo habe und nicht einmal einen Nachbarn, der sein Klo zur Verfügung stelle. Es sei ganz richtig gewesen, diesem Nachbarn den Urin vor die Tür zu schütten. Er habe es nicht besser verdient. Said macht eine Bemerkung. Ich nehme an, über mich. Alle außer Abdellah lachen.

Wir halten vor einem Einfamilienhaus. Said öffnet die Garage. Natürlich hat er kein Auto, geschweige denn einen Führerschein. In der Garage steht nichts als ein Flipperautomat. Wozu, erfahre ich nicht, denn Said führt uns bereits in sein Haus, wo ein paar Jungs eine riesige Fischtajine zubereiten. Er zeigt mir geräumige, völlig leere Zimmer. Er besitzt nichts, was er hineinstellen könnte. Im Wohnzimmer sind Matratzen entlang der Wände ausgelegt, alles ausgerichtet auf den großen Flachbildfernseher. Hier essen, rauchen, schlafen sie. Ich packe den Recorder aus, um das Gespräch aufzuzeichnen. Als ich auf Aufnahme drücke, dreht Said den Sound des Fernsehers hoch. Ob er jetzt eine eigene Gnawa-Gruppe hat und ob seine Jungs Mitglieder dieser Gruppe sind?, schreie ich ihm zu. Er lacht, sieht die Jungs an, schüttelt den Kopf, lacht, und sie lachen mit ihm. Ich schalte den Recorder aus.

Er sei jetzt selbst ein Gnawa-Meister, ein Muallim, sagt Said. Er hat den Sound runtergedreht. Offenbar will er nur mit mir sprechen, wenn mein Aufnahmegerät nicht läuft. Ich packe es weg und lasse mich zurückfallen auf die Matratze. Aller Druck fällt von mir ab: Es wird kein Interview geben, kein Porträt, nichts. Ich werde mit leeren Händen nach Hause fahren, werde keine O-Töne schneiden, meinen Redakteur enttäuschen und auf das Geld verzichten. Ich greife nach dem Joint. Ich muss es einfach nur eingestehen, zulassen, ausatmen. Schon werden meine Glieder leicht, steigt der Rauch in den Kopf, da setzt Said sich zu mir:

- Sie machen schon ein Interview mit mir. In Paris, sagt er.

Die anderen nicken heftig. Ja, Said ist jetzt berühmt!

- Dann brauche ich ja keins mehr zu mach, sage ich.

- Ich gebe dir eins.

- Gut, sage ich und packe meinen Recorder wieder aus.

- Wir müssen nur über den Preis reden.

Ich horche auf: Alle um mich herum halten die Luft an. Sogar die Jungs in der Küche.

- Wie viel?

Ich schlucke. – 800! Der Einstiegspreis, den Mustafa mir geraten hat.

Said fragt noch einmal nach, tut, als habe er die Zahl nicht richtig verstanden. Dann beginnt er zu lachen, bricht regelrecht zusammen vor Lachen: La! Das ist ein Witz!

- Maximal 1500, sage ich.

Bei den anderen nehme er 3000, sagt er.

- Dann machen wir lieber kein Porträt.

- Nur wegen 2500 willst du jetzt nichts mehr von mir wissen? Said greift nach meinem Recorder: Dann nehme ich das solange!

Ich schaue zu Abdellah. Wird er mir beistehen? Betreten sieht er zu Boden. Nicht Saids Verhalten scheint ihn zu empören. Meine Weigerung, zu zahlen, beschämt ihn.

- Okay, sage ich, ich zahle ... morgen!

- Däba! Jetzt!

Ich öffne meine Hose, löse den Geldgurt. Reiner Zufall, dass ich heute auf der Bank war. Ich zahle. Said gibt mir das Aufnahmegerät zurück. Ich bringe das Mikrophon in Position.

- Was willst du wissen?, fragt er.

- Erzähl einfach.

- Ich bin Said ... was noch?

- Besser, du spielst, sage ich. Erleichtert greift er nach seiner Basslaute. Spielt. Abdellah klatscht und begnügt sich mit den Refrains. Die Jungs rasseln mit Streichholzschachteln und Kassettenhüllen. Leise erhebt Said die Stimme. Sie ist voller Melancholie. Er singt wie ein Schwarzer. Der Blues Marokkos, denn die Bruderschaft der Gnawa stammt von den Sklaven ab, die aus Westafrika hierher verschleppt wurden. Ich habe kein Interview, kein Porträt, aber ich habe diese Klänge. Sie eigenen sich nicht fürs Radio, nicht zum Verkauf. Sie sind nur zum Hören da.

Gegen Morgen frage ich Abdellah, den Fischer und den Händler, ob sie mit mir zurück in die Altstadt fahren wollen. Aber sie lächeln nur. Sie haben noch etwas vor. Und ich weiß, was es ist: Sie werden das Geld unter sich aufteilen und ihren Gewinn feiern.