Das kleine Überraschungsfahrrad

 

 

Eine Kindergeschichte für 3-5jährige
von Andreas Kirchgäßner

 

Ali heißt der kleine Junge, der kaum größer ist als ein
Überraschungsei. Obwohl Ali so klein ist, kann er schon
ganz schön viel: Er kann Geschenkpapier ganz alleine
aufreißen, er kann nachts ganz alleine von seinem Hochbett
runterklettern und fragen, ob's schon Morgen ist. Das
größte aber, was er hat, ist seine große Schwester Alimini.
Wenn sie ganz schnell sagen soll, wie sie heißt, sagt sie:
"Ich heiße Alimini." In Wirklichkeit heißt sie aber
Aliminiundnichtalinini.

Alimini hat Ali eine große Überraschung versprochen. Sind
aber vorher versprochene Überraschungen überhaupt noch
richtige Überraschungen? Ali wußte es auch nicht so genau.
Jedenfalls ist Alimini losgegangen, um für Ali eine große,
vorher versprochene Überraschung zu kaufen. Sie ist
Straßenbahn gefahren und ist in ein großes Kaufhaus
gegangen. Sie hat nicht bei den Uhren und nicht bei dem
Schmuck geguckt. Sie ist sogar an den Süßigkeiten
vorbeigegangen und schnurstracks die Rolltreppe
hochgefahren, dorthin, wo die vielen vielen Fahrräder
stehen.

"Sie wünschen?" fragte der Verkäufer.
"Ich wünsche mir nichts, denn es soll eine Überraschung
werden, und Überraschungen kann man sich nicht
wünschen." sagte Alimini. Der Verkäufer wunderte sich,
denn er dachte, Alimini wollte eine Überraschung für sich
selbst kaufen. Und wenn man etwas für sich selbst kauft, ist
es ja keine Überraschung mehr. Aber Alimini wollte nicht
sich selbst eine Überraschung machen, sondern ihrem
kleinen Bruder Ali. Und der ist bekanntlich kaum größer als
ein Überraschungsei. Deshalb sagte Alimini zum Verkäufer,
daß sie ein ganz ganz kleines Fahrrad für ihren ganz ganz
kleinen Bruder Ali haben will. Mit Stützrädern! Der
Verkäufer zeigte Alimini ein sehr kleines Fahrrad mit
Stützrädern.
Alimini sagte: "Sehr schön, aber viel zu groß!"
Dann brachte der Verkäufer ein anderes, noch kleineres
Fahrrad mit Stützrädern und Alimini sagte wieder:
"Sehr schön, aber viel zu groß".
Doch selbst das kleinste Fahrrad von allen Fahrrädern, die
dort standen, wo die vielen vielen Fahrräder stehen, war
noch viel zu groß für den kleinen Ali.
"Es tut mir leid," sagte der Verkäufer, "aber ein kleineres
Fahrrad finde ich nicht!"
Da kannte er aber Alis große Schwester Alimini schlecht! Sie kann
schimpfen wie ein Rohrspatz. Und als sie lang genug und laut genug
geschimpft hatte, sagte der Verkäufer:
"Also gut, ich sehe mal nach, ob es hinten in unserem
Überraschungsraum noch eine Überraschung gibt."
Und weil Alimini nicht aufhörte, wie ein Rohrspatz zu schimpfen, lief
der Verkäufer schnell los, um im Überraschungsraum nach dem
allerallerkleinsten Fahrräder zu schauen. Und Alimini schimpfte sogar
weiter, als der Verkäufer schon nachguckte. Deshalb kam er schnell
zurück mit einem Päckchen, das kaum größer war, als ein
Überraschungsei. Das packte er schnell aus, denn Auspacken
konnte auch der Verkäufer schon, seitdem er klein war.

Alimini hörte sofort auf zu schimpfen, als der Verkäufer aus dem
Päckchen ein kleines, schönes Fahrrad auspackte, das kaum größer
war als ein Überraschungsei.
"Das ist genau das richtige Fahrrad!" rief sie, "wieviel kostet es?"
"Ein so kleines Fahrrad ist sehr teuer!" sagte der Verkäufer.
"Ich habe nicht so viel Geld!" sagte Alimini.
"Dann mach ich's eben ein bißchen billiger!" antwortete der
Verkäufer. Alimini war zufrieden und gab dem Verkäufer
das Geld. Dann aber fiel ihr etwas ein: "Ich brauche noch
Stützräder für das kleine Fahrrad!" Der Verkäufer rannte
sofort in den Überraschungsraum, um nach Stützrädern für
das kleine Fahrrad zu gucken, denn er befürchtete, Alimini
würde gleich wieder anfangen, wie ein Rohrspatz zu
schimpfen. Doch als er zurückkam, schüttelte er traurig den
Kopf und alles Schimpfen hätte nicht geholfen: Es gibt
keine Stützräder für kleine Fahrräder, die kaum größer sind
als ein Überraschungsei.

Da überlegte Alimini lange. Erst wollte sie das Fahrrad dem
Verkäufer zurückgeben und ohne Überraschung wieder
nach Hause fahren. Dann fragte sie den Verkäufer, ob er ihr
das viele Geld zurückgibt, wenn Ali auf dem kleinen
Fahrrad nicht fahren kann. Denn vielleicht konnte Ali ja
schon ohne Stützräder fahren. Und dann ist das kleine
Fahrrad ja doch eine gute Überraschung. Jetzt wurde der Verkäufer
aber ein bißchen streng:
"Das viele Geld gibt es nur zurück, wenn kein einziger
Kratzer an dem kleinen Fahrrad ist!" sagte er. "Wenn
nämlich ein Kratzer an dem kleinen Fahrrad ist, kann ich es
nicht mehr verkaufen!" Alimini versprach, das Fahrrad nur
dann zurückzubringen, wenn kein einziger Kratzer daran ist.
Dann packten sie das kleine Fahrrad wieder in das Päckchen
ein, das kaum größer war, als ein Überraschungsei. Denn es
sollte ja eine Überraschung für Ali sein.

Als sie mit dem Päckchen nach Hause kam, war Ali sehr
sehr überrascht. Als er es aber ganz alleine aufgerissen
hatte, freute er sich ganz doll über das kleine Fahrrad und
Alimini wußte jetzt, daß das eine richtige Überraschung
war. Sofort ging sie mit Ali raus, um das kleine Fahrrad
auszuprobieren.

Gleich am Anfang wäre Ali beinah hingefallen, denn er
konnte sich ja nicht gleichzeitig setzen und losfahren.
Deshalb setzte er sich erstmal auf den Sattel, um dann
loszufahren. Bevor er aber losfahren konnte, fiel das
Fahrrad schon um. Und Ali fiel mit - in die Arme seiner
großen Schwester Alimini, die ihn und das kleine Fahrrad
auffing. Das war gerade noch mal gut gegangen. Alimini
stellte das kleine Fahrrad wieder hin und hielt es fest, und
Ali setzte sich auf den Sattel. Dann schob Alimini ihn an
und rief:
"Trampeln, Traaaaaampeln!" und Ali trat in die Pedale und
das Fahrrad fuhr und Alimini brauchte gar nicht mehr
festzuhalten. Erst als Ali anhalten wollte, mußte seine große
Schwester wieder helfen. Sie zeigte ihm wo die Bremse ist.
Dann konnte Ali schon trampeln und fahren und bremsen
und anhalten. Jetzt zeigte ihm Alimini, wie man losfährt und
gleichzeitig trampelt und sich gleichzeitig auf den Sattel
setzt. Das ist das schwerste. Alimini mußte Ali und das
kleine Fahrrad noch ziemlich oft auffangen, bis Ali alleine
losfahren und trampeln und sich auf den Sattel setzen
konnte. Dann konnte Ali alles und fand es plötzlich
babyleicht. Alimini sollte nach Hause gehen, denn er konnte
jetzt alleine fahren.
Als sie sich aber umdrehte, um nach Hause zu gehen,
machte es hinter ihr sehr laut "Peng!". Ali hatte nicht
aufgepaßt und war auf die Nase geflogen. Die Nase hatte
eine Baustelle und das Fahrrad hatte einen dicken Kratzer.
Ali heulte und sagte, daß das kleine Fahrrad blöd ist und
daß er nie wieder radfährt. Alimini schimpfte wie ein
Rohspatz und sagte, daß sie das Fahrrad jetzt nicht mehr
dem Verkäufer zurückbringen kann, weil es einen Kratzer
hat. Nie wieder wollte sie Ali eine Überraschung
mitbringen, die keinen Kratzer kriegen darf. Sie nahm das
Fahrrad und stellte es in den Schuppen. Dann nahm sie Ali,
und klebte ihm ein buntes Pflaster auf die Baustelle auf der
Nase. Danach machte sie gar nichts mehr, denn sie ärgerte
sich über Ali. Ali machte auch nichts, denn er ärgerte sich
über das kleine Fahrrad. Und das kleine Fahrrad machte
ebenfalls nichts, denn es stand im Schuppen herum und
wurde von den großen Fahrrädern ausgelacht.

Endlich hatte Ali sich genug geärgert. Nur Alimini ärgerte
sich noch immer, denn sie konnte sich sehr sehr lange über
eine Sache ärgern. Ali ging in den Schuppen und holte das
kleine Fahrrad. Das kleine Fahrrad freute sich, denn jetzt
ärgerten sich die großen Fahrräder. Ali aber fuhr alleine auf
dem kleinen Fahrrad los, trampelte und setzte sich auf den
Sattel und fuhr und bremste und hielt an. Und das alles fand
er babyleicht, bis er wieder hinfiel. Diesmal aber stand er
einfach auf, fuhr erneut los, trampelte, bremste und hielt an.
Als Alimini das sah, hörte sogar sie auf, sich zu ärgern.

© Andreas Kirchgäßner

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