Die einen reisen weit, um die Welt zu unterwerfen.
Sie hinterlassen Wunden und Zerstörungswut.
Die anderen reisen weit, nur um ihre Wurzeln zu finden.
Sie geraten in einen Strudel von Verwirrung.
Von beiden soll hier die Rede sein.


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Perlhuhnkrieg


Treatment für ein deutsch-afrikanisches Drehbuch nach historischen und aktuellen Begebenheiten

von Andreas Kirchgäßner


1. Mark sitzt in einem Zimmer eines kleinen Hauses am Rande Stuttgarts. Mit größter Sorgfalt bastelt er einen Joint. In einer fast rituellen Prozedur entzündet er ihn. Aus dem Fenster quillt Rauch in den verwilderten Obstgarten vor dem Haus. Seine Mutter Lena (eine gut erhaltene 50erin) wird vom Qualm, der unter der Tür hindurch in ihr Zimmer quillt, zu einem Hustenanfall gereizt. Wütend läuft sie an Marks Tür und rüttelt daran. Die Tür ist verschlossen.
Mark liegt auf einer Matratze und wird von Bildern heimgesucht. Kleine Sequenzen, Teile eines Puzzles:

2. Hinter den Rückfenstern zieht schwankend Landschaft vorbei. Trockenes Gebiet. Südlicher Sahel. Die junge Lena, eine gutaussehende Frau, auf dem Beifahrersitz, am Steuer neben ihr John, ein adretter Mann. Es pocht von außen.

3. Die Mutter rüttelt an der Tür, schlägt dagegen. Sie hustet, prustet. Resigniert nimmt sie das Funktelephon und flieht in den Garten.
Sie ruft jemanden an, fragt, ob sie zu ihm kommen dürfe. Bedrängt ihn am Telephon. Von einem Hotel ist die Rede. Sie sagt, daß es dringend ist und legt auf. Dann holt sie die Autoschlüssel und fährt ab.

4. Mark sieht ihr nach. Er schließt die Augen:
Im Auto. Lena flirtet verhalten mit John, ist in aufgekratzter Stimmung, eine Art zweite Jugend. Dann wieder besorgte, schuldbewußte Blicke nach hinten auf die Rückbank. Die Wirkung des Charmeurs neben ihr ist stärker. Sie lacht hell.
Dann ein Schlag. Die Windschutzscheibe birst.

5. Mark schreit auf. Er hält sich die Ohren zu.
Ein Stein knallt an das Zimmerfenster. Dann noch einer. Langsam sieht Mark auf. Er hört Rufe. Mühsam erhebt er sich und starrt aus dem Fenster. Seine Freundin Maike steht draußen. Sie gibt ihm Zeichen, daß er ihr aufmachen soll.Maike reißt die Fenster auf. Draußen scheint die Sonne. Ein Vogel singt in den Zweigen des Baumes vor dem Haus. Mark berichtet abschätzig von Lenas Flucht aus dem Haus. Maike, bereits mit der Herstellung des nächsten Joints beschäftigt, sieht ihn ob dieser Nachricht hocherfreut an. Genüßlich inhalieren sie den Qualm. Er quillt aus dem Fenster.

6. Der gealterte John empfängt Lena in der Vorhalle eines Hotels. Er schielt nach links und rechts, ob niemand ihn sieht. Dann macht er ihr schwere Vorwürfe: Ob sie den Verstand verloren habe, hier, an diesem Ort zu ihm zu kommen, wo seine Frau oben auf dem Zimmer ... Sie fällt ihm hemmungslos um den Hals, schluchzt. Er versucht sie abzuschütteln, zieht sie dann nach draußen und steigt in ein Taxi.

7. Maike schiebt das Bett unters Fenster und legt sich darauf. Sie sieht dem Vogel im Baum zu. Das Lichtviereck trifft auf ihren Körper. Träge beginnt sie, sich zu entblößen. Immer wieder ein Blick zu Mark, der sie kaum wahrnimmt. Sie zieht ihn zu sich aufs Bett. Mark schließt die Augen. Da sind wieder die Bilder:

8. Aufgebrachte Schwarze rennen auf den Wagen zu. Sie heben vom Boden ein Amulett auf, ein Säckchen an einem Lederriemen, und schwenken es theatralisch vor der Windschutzscheibe. Lena schmiegt sich an John, wie Maike sich an Mark schmiegt. John verriegelt von innen die Türen. Gesichter werden an den Seitenfenstern plattgedrückt. Der Wagen schaukelt, droht zu kentern. John gerät in Panik, fährt an. Vor ihm duzende Schwarze, die er einklemmt. Er läßt den Motor aufheulen.

9. Mark kann nicht. Er springt auf. Maike kleidet sich beleidigt wieder an.

10. John erklärt Lena in einem Restaurant, daß selbst er das Geschehene nicht ungeschehen machen könne. Die Dinge sind, wie sie sind. Für ihn - entgegnet Lena - seien sie ja immer noch sehr gut. Für sie hingegen sei es die Hölle. Der Junge, Abbild seines Vaters. Und wie er zu Grunde ginge.

11. Arbeitsamt Stuttgart. Mark zieht seine Nummer. Er sitzt, döst, wirkt auch hier bekifft. Immer wieder fallen ihm die Augen zu. Wenn er sie, vom Klingelzeichen der Nummernanzeige geweckt, wieder aufschlägt, sitzen neue Leute um ihn. Mal ist es ein Bautrupp. Dann eine Kolonne Putzfrauen. Akademiker. Prostituierte. Natürlich verpaßt er seine eigene Nummer, muß die Arbeitsvermittlerin darum bitten, doch noch vorgelassen zu werden. Sie läßt ihn wieder warten. Ihm gegenüber hat ein älterer Afrikaner Platz genommen. Er sieht ihn unentwegt an. Mark wird unruhig. Der Mann hat einen ungeheuer starken Blick. Als Mark wieder die Augen zufallen, sieht er ihn:

12. Der Mann steht vor dem Wagen. Moussa. Die Leute draußen weichen zurück. Sie geben ihm das Amulett. Mit der Macht seines Blickes befielt er Mark, die Hintertür zu entriegeln. Er öffnet die Tür, reicht Mark die Hand und hilft ihm aus dem Wagen. Dann wirft er das Amulett in den Wagen. John fährt panisch an. In ruhigen Schritten entfernt Moussa sich mit Mark an der Hand, während der Wagen mit offener Tür davonbraust.

13. Die Arbeitsvermittlerin redet Mark ins Gewissen: Schule abgebrochen, Lehre geschmissen, dauerarbeitslos. Ob er Bewerbungsnachweise bei sich habe. Mark behauptet, im Warteraum habe man sie ihm gestohlen ...

14. Beim Verlassen des Arbeitsamtes sieht Mark nach Moussa. Er sitzt nicht mehr an seinem Platz. Mark versucht, seine Alpträume abzuschütteln. Er geht hinaus an die Luft. Da steht Moussa und fordert ihn auf, zu seinem Vater Paul nach Adibo zu kommen. Er werde gebraucht. Mark will die "Verwechslung" richtigstellen. Aber bevor er sich versieht, ist Moussa verschwunden. In Marks Ohren klingt der Name nach:
Paul, Adibo ...

15. Mark wälzt sich im Bett. Der Name "Adibo" widerstrebt ihm und verfolgt ihn. Er springt vom lieblosen Frühstück (Nahrungsmittel in ihrer aufgerissenen Verpackung auf dem Tisch) auf. Er stürzt entschlossen aus der Küche.

16. Mark durchsucht aufgeregt Lenas Zimmer. Ihr Bett ist leer und zerwühlt. Im Raum stehen afrikanische Figuren, von kleinen bis zu metergroßen. Er findet eine Schachtel mit alten Photos. Er sucht nach dem Photo seines Vaters. Überall aber, wo sein Vater zu sehen sein müßte, sind die Photos abgerissen. Er wirft alles achtlos auf den Boden. Er durchsucht das Bücherregal, läßt es umstürzen. Sein Blick fällt auf eine Figur: Die geschnitzte, etwa ein Meter große Abbildung eines weißen Kolonialbeamten. Mark durchwühlt weiter das Zimmer. Vergeblich. Aber die Figur! Er geht auf sie zu, will sie umstoßen. Da hört er Lena kommen. Er verbirgt sich hinter dem Vorhang.Lena ist schockiert von der Verwüstung. Sie stürzt zu der Figur, zieht aus ihrem Bauch eine Schublade, der sie das Amulett und ein Photo von sich und John - damals in Afrika - entnimmt. Sie ist sichtlich beruhigt, greift zum Telephon: "Hör zu, John. Er hat mein Zimmer durchwühlt. Aber er hat Es nicht gefunden. Was machen wir bloß mit ihm?"

17. Mark in einer afrikanische Bar in Stuttgart. Er spricht mit ein paar Afrikanern. Man macht ihn dort mit deutschen Autoschiebern bekannt. Da die Autoschieber einen Fahrer brauchen, verhelfen sie ihm zu den Papieren.

18. Mark mit den Autoschiebern in der Sahara. "Banditen", die ihre Devisendeklaration in den Händen halten, erleichtern sie um ihr Bahren und nehmen ihnen die Autos ab. Die Autoschieber fahren mit einem entgegenkommenden Fahrzeug zurück. Mark weigert sich, mit ihnen zu kommen. Er schlägt sich alleine und zu Fuß durch den Sand.

19. Lena sitzt mit John in einem Café. Lena berichtet ihm, daß Mark weg ist. Um so besser, wirft er ein. Es ist auch weg, erklärt sie. Mark habe das Photo und das Amulett.

20. Eine Tuareg-Karavane liest ihn halbverdurstet auf und bringt ihn nach Arlit im Niger.

21. Die deutsche Botschaft stattet ihn mit Geld für die Rückreise aus. Aber er verwendet es, um mit dem Buschtaxi nach Tamale zu fahren. Unterwegs trinkt er das trübe Wasser. Er ißt die undefinierbarsten Pasten und Soßen. Es geht ihm elend. Durchfall, Fieber. Ghanaer bieten ihm Cannabis an. Er - der sonst keinen Joint passieren ließ - lehnt ab. Etwas hat ihn gepackt.

22. Kurz vor Tamale wird das Buschtaxi von einer bewaffneten Jugendbande gestoppt. "Konkombas!" rufen die Insassen. Ein paar springen aus dem Wagen und stürzen in den Busch. Die Bewaffneten nehmen die Verfolgung auf. Man hört Schüsse aus der Savanne. Die übrigen Insassen müssen aussteigen und sich in einer Reihe aufstellen. Die Stammesnarben jedes Einzelnen werden kontrolliert, die ethnische Zugehörigkeit erfragt. Als sie Mark kontrolliert haben, nehmen sie auch noch das Gepäck auseinander: Wegen der Anwesenheit eines Weißen vermuten sie eine Waffenlieferung an die Dagombas. Sie finden bei Mark das Photo von Lena und John und Pfeifen durch die Zähne. Mark entreißt es ihnen unwirsch. Dann werden sie auf das Amulett um seinen Hals aufmerksam. Sie nehmen es ihm ab und sehen in den Lederbeutel. Ein Grinsen tritt auf ihre Gesichter, als sie den Beutel unter sich herumreichen: Eine Kugel aus Adibo! Erinnerung an den Tod der Dagomba! Ohne weitere Probleme kann der Wagen passieren.

23. Tamale ist in Aufruhr. In den Gesichtern der Passanten spiegelt sich Unruhe. An den Straßenrändern vegetieren Menschen. Viele sind verwundet. Dunkle Gestalten verfolgen ihn. Mark rennt. Aber wohin? Überall recken sich ihm bettelnde Hände entgegen. Die Frage nach einer Busverbindung nach Osten löst Gelächter aus. Immerhin bringt man ihn zu einem flachen Gebäude, das schwer bewacht wird. People's Heritage Party steht an der Tür. CNN nennen die Leute aber das Haus. Ein moslemisch gekleideter Mann tritt heraus. Auf Marks Frage, wie man nach Osten komme, antwortet er, daß Konkombas diese Gegend belagern. Er müsse warten, bis sie, die Dagombas, den Osten "befreit" haben.

24. Auf dem Markt wird er Zeuge, wie neben ihm Afrikaner um ein Perlhuhn heftig feilschen. Plötzlich schreit der Käufer: "Konkomba!" Der Händler versucht zu fliehen. Aber von allen Seiten geht man auf ihn zu. Während sein Stand geplündert wird, bildet sich ein undurchdringlicher Kreis um ihn. Macheten blitzen über den Köpfen. Zurück bleibt der tote Händler: zerstückelt. Man läßt ihn liegen.

25. Mark flieht entsetzt in die Bar mit den sauberen Un-Fahrzeugen und den bewaffneten Wächtern davor. Hier ist seine Hautfarbe die Eintrittskarte. Drinnen fragt ihn eine kichernde Prostituierte mangels anderer Kundschaft, wo denn sein Vater sei. Das wüßte er auch gerne ...

26. Seine Fragen nach seinem Vater Paul wecken die Neugier eines Mannes namens Peter. Er ist ein alter, müder Entwicklungshelfer. An die Entwicklung Afrikas glaubt er nicht mehr. Aber ein Helfer ist er auf jeden Fall. Er bietet Mark ein Zimmer mit einem ordentlichen Bett in seinem geräumigen Bungalow an. Speise und Trank nach Herzenslust. Tabletten gegen die Amöben. Mark wird Zeuge der zahlreichen ein- und ausgehenden Afrikanerinnen. Nicht selten muß er laute Streits zwischen Peter und den Frauen um die Frage der Bezahlung anhören.

27. Wovon Mark nichts weiß, ist die heimliche Durchsuchung seines Gepäcks. Peter findet das Photo von Lena und John. Er hatte sich so etwas gedacht. Umgehend telephoniert er nach Deutschland und warnt seinen Vorgesetzten John. John fordert ihn auf, Marks Weiterreise zu verhindern.

28. Von Peter erfährt Mark den Grund für die Unruhe auf den Straßen: Stammeskrieg. Östlich von Yendi sind Dörfer der Dagombas angegriffen und systematisch zerstört worden. Es gibt zahlreiche Tote und das Morden geht weiter. Täglich erreichen neue Flüchtlingsströme Tamale. Die Menschen berichten von Blutbädern und Greueltaten. Und östlich von Yendi, im Kriegsgebiet, liegt auch Adibo. Ein kleiner Punkt auf Marks Landkarte. Niemand wagt sich zur Zeit in dieses Gebiet. Selbst die Armee läßt auf sich warten.Peter aber beruhigt Mark: Sollte sich tatsächlich ein Weißer in dieser Gegend aufgehalten haben, so wird er einer der ersten sein, der sich nach Tamale abgesetzt hat.

29. Die beiden durchstreifen Tamales weiße Gemeinde auf der Suche nach Paul. Peter spricht mit Franzosen, Deutschen, Amerikanern. Niemand aber weiß von einem Deutschen namens Paul, der von Osten nach Tamale kam. Auch in den besseren Hotels für Weiße wohnt kein Paul. An den Swimming-pools tummeln sich dickwanstige Weiße mit schwarzen Badenixen. Aber keiner heißt Paul.

30. Peter rät Mark, sich noch ein paar schöne Tage in Tamale zu machen und dann wieder nach Hause zu fahren. Er bringt von der "Arbeit" eine Afrikanerin mit. Zunächst lehnt Mark ab, sich mit ihr "zurückzuziehen". Als er aber merkt, daß sie gebildet ist, entscheidet er sich anders. In seinem Zimmer verhindert er, daß sie sich entkleidet. Er fragt sie nach ihrer Stammeszugehörigkeit. Entsetzt stottert das Mädchen: "Sisaala, aus dem Norden, weit weg!" Mark befragt sie nach dem Grund für diesen Krieg. Sie berichtet davon, daß die Konkomba zugewandert seien und nun die gleichen Rechte, wie die anderen Etnien einforderten. Und militärisch sind sie gut vorbereitet. "Wann sind sie hier her gekommen?" Vor ca. 400 Jahren! "400 Jahre, das ist lange her!" gibt Mark zu bedenken. "Nicht für uns!" erklärt sie. "Die Ahnen sind lebendig. Die Vergangenheit ist stets anwesend. Aber schon die Briten haben den Konkombas kein Landrecht und keine politische Vertretung zugestanden. Weil die Konkomba nur einen Fetisch-Priester, und keinen König hatten ..."

31. Peter versorgt Mark mit dem nötigen Geld für die Rückreise und bringt ihn zum Bus nach Accra. Der perfekte Gastgeber.

32. Zurück Zuhause telephoniert Peter erleichtert mit John in Deutschland. Alles wieder im Lot. Der Junge sei auf dem Heimweg. Das Dorf sicherlich zerstört. Und von Paul fehle jede Spur. Besser hätte es für John nun wirklich nicht laufen können.

33. John mit Lena in einem Hotelzimmer. Er erklärt ihr, daß er nun alles im Griff hat. Paul ist im Kriegsgebiet verschollen. Mark ist auf der Rückreise, ohne ihnen auf die Spur gekommen zu sein. Wenn er wieder zurück sei, muß John sich nicht mehr verstecken. Er werde Mark eine Wohnung mieten.

34. Als der Bus bereits den Bahnhof verlassen hat, läßt Mark ihn anhalten und steigt aus. Er sucht ein Taxi Richtung Yendi. Niemand fährt dort hin. Er bietet viel Geld. Alle weigern sich.
Schließlich treibt er einen LKW auf, der in der Nacht Yams in die Krisengegend fahren wird. Nahrungsmittel erzielen im Kriegsgebiet beste Preise. Mark fährt auf der Pritsche mit. Unerkannt kann er einer Patrouille von selbsternannten Milizen - Kinder mit Handfeuerwaffen - entgehen. "Dagombas!", wie Mark vom Fahrer erfährt. Sie werden ihre Schmach rächen und die Konkombas vertilgen. Der Fahrer selbst ist Dagomba.

35. In Yendi machen sie Station. Der Ort voller Flüchtlinge. Die Nachricht von der Ankunft eines Weißen verbreitet sich in Windeseile. Weiße gibt es hier seit Ausbruch des Krieges nicht mehr. Mark wird argwöhnisch beäugt. Mehrfach durchsucht man ihn, stößt ihn grob herum. Nur die Versicherung des LKW-Fahrers, Mark habe keine Waffen, die er in den Busch zu den Konkombas schmuggeln könnte, verhindert einen Übergriff.

36. Mark stößt auf einen verwitterten Friedhof. Deutsche Inschriften auf den umgestürzten Grabsteinen verweisen auf den Dezember des Jahres 1896. Dort liegt Hauptmann von Massow. Bei der Erforschung des Nordens für das Deutsche Reich im Kampf gegen die Aufständischen gefallen.

37. Plötzlich ergreifen ein paar Kinder Marks Hände und bringen ihn in eine Lehmhütte. Am Boden hockt in Mitten einer großen Zahl von Flüchtlingen Abi, eine junge Afrikanerin, die sich als Moussas Urenkelin ausgibt. Sie spricht deutsch und teilt Mark mit, daß sie sofort aufbrechen müssen. Mark gafft sie mit offenem Mund an. Er schließt die Augen.

38. Mark steht in einem Kreis von schwarzen Kindern. Sie klatschen rhythmisch und singen ein Lied. Vor ihm steht Abi, damals ein Kind. Sie lacht ihm zu und gibt ihm einen Stups. Mark fällt rückwärts in die Arme der Kinder, die ihn wieder in die Arme anderer Kinder werfen. Marks anfänglicher Schrecken löst sich in Zutrauen auf.

39. Abi steigt mit Mark in ein klappriges Fahrzeug. Sie sitzen auf der Rückbank. Der Fahrer rast über die Wellblechpiste. Zu beiden Seiten zerstörte, zum Teil noch brennende Dörfer. Tote am Rand der Piste, über die sich Hinterbliebene beugen. Tote, die alleine verwesen. Von Pfeilen Getötete. Mit Speeren Erstochene. Der Wagen nimmt Umwege und verschwindet in Verstecken, um durchzukommen. Ein toter Junge auf der Fahrbahn. Mark schließt die Augen. Déjà-vu:

40. Ein afrikanisches Kind liegt neben Johns Wagen auf der Piste. Der Kopf in einer roten Lache. Afrikaner nehmen ihm das Amulett ab. Eine Hand führt Mark aus dem Wagen. Hinter ihm liegt auf dem Sitz das Amulett. Er sieht, wie John losrast. Wie Lena versucht, aus dem Wagen zu springen. Aber die Geschwindigkeit ist zu groß.

41. "Du denkst an meinen Bruder, wie er da lag", sagt Abi. Mark holt das Amulett hervor. Sie öffnet es und entnimmt eine große Gewehrkugel, wie sie in alten Vorderladern benutzt wurden. Sie zeigt Mark eine kreisförmige Anordnung von Steinen: "Das Grab meines Großvaters!" In der Mitte liegt ein flacher Stein mit einem Loch darin, das von einem Kugeleinschlag stammt. Wie eine Murmel rollt Abi die Kugel aus dem Amulett in das Loch. Sie paßt.

42. Sie führt den verwirrten Mark in das Dorf. Runde Lehmhütten, fast ausgestorben. Mark ist wie abwesend. Alles hier hat er schon einmal gesehen. An den kalten Feuerstellen sieht er die Schatten der Frauen kochen. In den leeren Mörsern stößeln Kinderschatten Mais.
Abi fordert Mark auf, seinen Vater dazu zu bewegen, das Dorf zu verlassen. Sie bringt ihn zu einer Hütte. Der ältere Weiße, der davor sitzt, wirkt verstört. Er zeigt kaum eine Regung. Mark spricht ihn an. Paul hebt den Kopf. Seine Augen weiten sich zu einem irren Ausdruck. "Verlaß das Dorf noch vor der Nacht!" ist das Einzige, was er sagt, in gebrochenem Deutsch, seltsam abwesend. Mark geht in Pauls Hütte. Er schließt die Augen:

43. Um die Schlafmatte ist alles voller Knochen, Pfeilspitzen. Schädel mit Einschüssen. Zerbrochene Bögen und Pfeile.

44. Mark packt die wenigen Habseligkeiten des Vaters zusammen. Dann versucht er, Paul zum Gehen zu bewegen. Paul tut, als höre er nicht. Mark versucht, ihn zu führen. Paul - so gebrechlich er aussieht - wert sich mit erstaunlicher Kraft. Abi ruft den Fahrer zu Hilfe. Gemeinsam zerren sie den Widerspenstigen in den Wagen, mit dem sie gekommen sind. Als sie losfahren wollen, hat der Wagen einen Platten. Auch der Reservereifen ist kaputt. Sie müssen in Adibo übernachten. Der Fahrer beginnen, mit Gummistücken und der Hitze eines Petroleumfeuers in einer langwierigen Prozedur die Reifen zu flicken.

45. Mark breitet in Pauls Hütte Schlafmatten für sich und seinen Vater aus. Er versucht zu schlafen. Paul liegt neben ihm mit weit offenen Augen. Plötzlich erhebt er sich, fordert Mark auf, mitzukommen. Sie gehen durch die schwarze Nacht an ein Feld außerhalb des Dorfes. Gehen ohne die Beine zu bewegen:

46. Schattenhafte Bilder: Auf dem Feld sind archaische Krieger mit Pfeilen, Bögen, Speeren versammelt. Ein großes Heer. Sie scheinen in Trance zu sein. Ihr Führer ist unzweifelhaft Moussa.
Was sind das für Leute, fragt Mark den Vater. Der wirkt auf einmal klar und gefaßt. Dagombas, sagt er. Ihr Führer ist der Ya-Na Andani
.Den Kriegern gegenüber haben sich weiße Soldaten in den Uniformen des deutschen Kaiserreiches aufgepflanzt. Nur um die hundert Mann. In ihrer surrealen Ordentlichkeit und mit ihren mechanischen Bewegungen wirken sie wie Puppen. In geschlossener Formation, die Bajonette nach vorne gerichtet, gehen sie vor. Dann gibt der Befehlshaber einen deutschen Befehl. Unbarmherzig eröffnen die Truppen das Feuer. Zahlreiche Dagombas brechen zusammen.Ist das Traum oder Wirklichkeit, fragt Mark entsetzt. "Wirklichkeit", sagt Paul. "Vergangene allerdings. Hundert Jahre alt."Die deutschen Soldaten laden mechanisch nach, legen wieder an und schießen. Ein weiterer Teil der Dagombas fällt. Inmitten des Staubs und Pulverqualms steht Moussa unversehrt. Er lacht und hält einen flachen Stein vor die Brust. Eine Kugel bohrt ein Loch in den Stein. Er läßt den Stein fallen. Nur spärlich finden nun Pfeile der Dagombas ihren Weg zu den Deutschen. Sie prallen an den Pickelhelmen ab. Die Deutschen rücken jetzt vor, erstechen die noch lebenden und am Boden liegenden Dagombas mit ihren Bajonetten. Moussa versucht, den spärlichen Rest seiner Truppe zu sammeln und einen Gegenangriff zu führen. Unter der nächsten Kugelsalve bricht der Angriff zusammen. Das Dagombaheer ist vernichtet.Auf dem Feld steht Moussa alleine den Deutschen gegenüber. Er ist unbewaffnet. Dennoch eröffnen die Weißen ein weiteres Mal das Feuer auf ihn, ohne ihn niederstrecken zu können. Wie eine Fliege fängt er mit der Hand eine Kugel aus der Luft, hält sie auf der Hand, nimmt sie in den Mund und spuckt sie den Deutschen entgegen. Hauptmann von Massow bricht getroffen zusammen."Ein Zauber", sagt Paul.Sie ergreifen Moussa und erschlagen ihn brutal mit dem Stein, der den Kugeleinschlag aufweist. Dann marschieren die Truppen weiter.
"Hundert Jahre lang gab es keine Entschuldigung, kein Wort des Bedauerns", erklärt Paul. Sie stehen vor Moussas Grab, der kreisförmigen Anordnung von Steinen. In der Mitte liegt der Stein, mit dem Moussa erschlagen wurde. In dem Einschußloch befindet sich die Kugel aus dem Amulett. Paul: "Ich wollte, daß du sie siehst. Als ich sie das erste Mal sah, wußte ich, daß sich das niemals wiederholen darf. Und das ist der Grund, warum ich jetzt Adibo nicht verlassen werde."

47. Am nächsten Tag. Die Reifen sind geflickt. Der Wagen steht abfahrtsbereit. Abi drängt Mark und Paul, endlich zu kommen. Aber nun will Mark seinen Vater, der wieder ähnlich verstört ist wie am Vortag, nicht mehr zwingen. Da er auch nicht ohne seinen Vater abreisen will, fährt der Wagen ohne sie. Und zu Marks Überraschung bleibt Abi bei ihnen.

48. Paul vegetiert vor seiner Hütte. "Ich bin nicht zum ersten Mal hier", beginnt Mark, während er sich zu Paul setzt. "Wie kommt es, daß ich nicht mit dir hiergeblieben bin?" Paul schmunzelt: "Du warst zu Hause, weil ich hier bin! Ich kam im Tausch gegen dich."

49. Mit großer Geduld zeigt Abi Mark, wie Wasser geholt, Holz gespaltet, Maniok gestampft und Hirse geerntet wird. Und immer ist Abi - wie zufällig - in seiner Nähe. Er sieht ihr heimlich beim Waschen im See zu. Und selbst, als er sie schließlich beherzt zu küssen versucht, ist die Abfuhr nicht so scharf, wie es zu befürchten war. Ganz sachte entwickelt sich zwischen ihnen eine Zärtlichkeit, die den Gegensatz der Kulturen, die Gefahr des Augenblicks zu überwinden scheint.
Eines Abends zeigt Mark Abi die Fotografie von John und Lena. Abi erkennt die beiden sofort wieder. "Den Mann müssen wir finden!" sagt sie.

50. "Da sind sie wieder" ruft auf einmal Paul. Er hat sich erhoben. "Wer?" "Die Grenadiere!" Mark hält es für einen Anflug von Wahnsinn. Dann aber geraten die zurückgebliebenen Dorfbewohner in helle Aufregung. Alle schreien und rennen zum Ausgang des Dorfes. Paul steht wie angewurzelt. Die Dächer der ersten Hütten brennen. Schüsse hallen. Die Angreifer treiben die Dorfbewohner zurück ins Dorf. Mark greift den Arm seines Vaters und versucht ihn wegzuzerren. Er kann den kräftigen Paul alleine nicht bewegen. Verzweiflung erfaßt ihn. Er beginnt zu schreien. Niemand achtet auf ihn. Paul setzt sich wieder vor die Hütte, wo er die Tage immer saß. Mark setzt sich zu ihm.

51. Die angreifenden Konkombas sind gut bewaffnet. Blitzschnell erledigen sie alle Dagombas, derer sie habhaft werden. Systematisch zünden sie die Strohdächer an, drücken die Lehmmauern der Hütten ein. Sie vernichten die Ernte in den Speichern und die Yams-Sämlinge. Sie bewegen sich präzise wie Maschinen. Und sie sind dabei unbeteiligt wie Maschinen. Weder scheint ihnen das Töten Grauen, noch Lust zu verursachen. Sie führen es durch wie eine Pflichterfüllung.
Schon trennt sie nur noch eine Hütte von Paul und Mark. Paul sagt, daß diese Weißen sehr dunkel bemalt sind. Da wird Mark mit einem Ruck von ihm getrennt und weggezerrt. Es ist Abi. Sie kennt einen Hinterausgang. Gemeinsam rennen sie in das hohe Gras der Savanne. Hinter ihnen geht Adibo in Flammen auf. Ein Konkomba hat sie gesehen, nimmt die Verfolgung auf. Sie können ihm mit knapper Not entkommen, denn die knochentrockene Savanne hat Feuer gefangen.

52. Abi führt sie auf Schleichwegen. Sie laufen wie von Sinnen. Überall neue Feuer, denen sie ausweichen müssen. Es scheint, als brennt die ganze Savanne. Die beiden laufen, bis sie zitternd zusammenbrechen.Auf dem harten Boden lieben sie sich. Es bricht aus ihnen. Ein Gemenge aus Umklammerung, Verzweiflung, Lust, jenseits aller europäischen oder afrikanischen Konventionen.

53. Yendi. In der Hütte, in der Mark Abi zum ersten Mal traf, tritt Abi vor die versammelte Mannschaft. Es handelt sich um Flüchtlinge aus Adibo. Sie zeigt ihnen die Gewehrkugel aus dem Amulett und das Photo von John und Lena. Dazu sagt sie Dinge auf Dagbane. Dabei zeigt sie immer wieder auf John. Sein Anblick löst unter den Anwesenden wilde Empörung aus.
Mark und Abi verlassen die Hütte. Man schickt ihnen zu allem Überfluß auch noch zwei kleine Geschwister Abis hinterher: Einen Jungen, ein Mädchen. Mark starrt den Jungen an, der einem anderen Jungen aufs Haar gleicht. Er schließt die Augen.

54. Der Junge liegt neben Johns Wagen auf der Piste. Der Kopf in einer roten Lache.

55. Von Tamale aus telephoniert Mark nach Hause. Er sagt Lena, daß Paul bei ihm ist. Daß er nun bereit ist, über die Tötung eines Jungen bei einem Verkehrsunfall auszusagen. Vor deutschen Richtern. Daß er, Mark, ihr und John jedoch eine gütliche Einigung anbietet, sofern sie auf dem schnellsten Wege nach Tamale kommen. Beide!

56. In einem luxuriösen Bungalow klingelt das Telephon. John geht dran, meldet sich mit seinem Namen. Im Hintergrund seine Frau. John dämpft die Stimme. Seine Frau betrachtet ihn mißtrauisch. "Ja, ich komme. Mittwoch in einer Woche bin ich in Tamale!" sagt John und legt auf. Seiner Frau gegenüber behauptet er, zu einer dringenden "Evaluation" in den Norden zu müssen.

57. Abi, Mark und die Kinder in einer Absteige in Tamale. Immer wieder versuchen Abi und Mark, sich einander zu nähern. Immer wieder sind die Geschwister Abis im Weg.

58. John und Lena rasen mit einem nagelneuen, geliehenen Allradwagen über die Straße. Ein Straßenschild zeigt ihn 15 km vor Tamale. Plötzlich steigt er in die Eisen: Abis Bruder steht auf der Fahrbahn. John springt aus dem Wagen und läuft zu ihm. Er schüttelt ihn und starrt ihn entsetzt an: "Ich dachte, du wärst ...", entfährt es ihm. Der Junge lächelt ihn an und schüttelt den Kopf. Er reicht ihm das Amulett. John sieht auf. Hinter dem Jungen tauchen die Bewohner Adibos auf. Sie verbeulen den Wagen. Dann steht Mark John gegenüber und schlägt ihm ins Gesicht.

59. Der Fahrer fährt den klapprigen Wagen vor. Sie tanken ihn aus Johns Reservekanistern voll. Dann zwängen sie sich alle hinein und fahren schwankend ab. John und Lena stehen allein auf der Fahrbahn. Neben ihnen der schwer beschädigte neue Wagen. Eine Polizeipatrouille fährt vor. Die Männer untersuchen den Wagen. Unter der Vorderachse ziehen sie einen toten Jungen hervor. John bietet ihnen Geld an. Das macht die Polizisten wütend. Sie nehmen John und Lena fest.

60. In Johns Bungalow wird ein Brief eingeworfen. Johns Frau öffnet ihn. Er enthält nichts als das Photo von John und Lena.

61. Am Flughafen. Auf Marks Frage, ob sie mitkommen möchte, verneint Abi. Dann will Mark bleiben. Sie stoßen auf Peter. Er hat seinen Job geschmissen und reist aus. Er fragt, ob sie gemeinsam fliegen.Abi und Mark sehen sich an. Dann schütteln sie beide den Kopf und drehen auf dem Absatz um.

62. Abi und Mark klettern über die ehemalige Sklavenburg São Joan de Mina. Dann sitzen sie am Rande des Regenwaldes. Sie suchen nach Worten für die Farben der Vögel.

© 1998, Andreas Kirchgäßner