Die sieben Farben der Nacht
Die sieben Farben der Nacht

Reiseerzählungen
osbert+spenza
Badische Zeitung vom 15.04.2021
Kolumne von Wolfgang Frommlet in der Schwäbischen Zeitung vom 1.12.2020!
Rezension Reutlinger General-Anzeiger vom 11.01.2021
Rezension der Marokko-Reisebuchautorin Muriel Brunswig,TourSerail
marokko.com
Peter Michael Hamel in der Neuen Musik Zeitung 2-2021
Christa Ludwig in a tempo 2-2021
Spirituelle Farb-Klänge aus Marokko - die Gnawa und ihre Musik BR-Klassik vom 14.03.2021
Litblog.literaturwelt.de

Wenn wir auch gerade nicht körperlich reisen können, so doch lesend, bequem auf dem Sofa liegend oder auf einem Teppich, der zu einem fliegenden Teppich wird, sobald wir dieses Buch aufschlagen und anfangen zu lesen …

Kaum ist der Ruf des Muezzins verhallt, erheben sich die Rasseln der Gnawa, die Schalmeien der Aissawa, die Trommeln und Geigen der Berber aus dem Atlas. Vielstimmig fallen sie der monotheistischen Stimme des Islam ins Wort.

Die Gnawa sind die Nachfahren schwarzer Sklaven. Ihre Kulte sind von den Traditionen der Berber beeinflusst und vom arabischen Sufismus. In Essaouira, einem wichtigen Zentrum der Gnawa, wird jedes Jahr eines der größten Musikfestivals auf afrikanischem Boden gefeiert: das viertägige Gnawa-Festival, zu dem bekannte Jazz- und Popmusiker aus aller Welt anreisen.

Eine „Lila“ der Gnawa dauert die ganze Nacht. Sieben unterschiedliche Geister (Mlouk) werden während der Zeremonie angerufen. Diesen Geistern sind sieben Farben und sieben Gerüche zugeordnet. Während sich die Teilnehmer in Trance tanzen, verbinden sie sich mit „ihrem“ Geist.

"Die Nasha, die eigentliche Reise zu den Geistern hat begonnen. Der Moqadem legt Räucherwerk und Kräuter auf die glühende Kohle. Parfüm, um die Geister zu betören. Ein Hin und Her, in dem sich der Moqadem und das Publikum gegenseitig hochschaukeln, call and responce, ein Erinnerungsstück aus dem Gepäck der schwarzen Sklaven.

In der Mitte stehen zwei ältere Frauen vornüber gebeugt, stampfen von einem Fuß auf den anderen. Der Moqadem hat ihnen weiße Tücher übergeworfen. Die Tücher des Mlouk Abdelkadder Jilani, des Überbringers, der die Pforten zur Geisterwelt öffnet:
„Ya g-gilali dawi hali ...“, „...heile mich, o du Jilali, ich bin krank und habe keinen Heiligen, ich bitte um Gastfreundschaft, o du aus Bagdad!""



Lesend können Sie Andreas Kirchgäßner auf seiner Reise durch den Süden Marokkos begleiten. Vorne im Buch ist eine Karte von Marokko, auf der Sie die Orte finden, von denen im Buch die Rede ist.

Hier einige Auszüge:

Wir fahren eine fast schnurgerade Strecke, breit ausgebaut, neu asphaltiert. Gelber Ginster fliegt an uns vorbei. Das Soustal wird immer grüner und in der Ferne recken sich die Gipfel des Hohen Atlas schneebedeckt in den Himmel. Und dann ist da dieser Geruch. Erst langsam kommen meine Sinne so zur Ruhe, dass ich ihn wahrnehme. Den Geruch von Trockenheit und Staub und leichter Würze. Als hätten die Dornbüsche am Rand, der wilde Oleander, die Akazien, Arganien und der Feigenkaktus, als hätten die Ziegen und die traurigen Esel die Luft ausgeatmet, bevor ich sie einatme.

(...)

„As salâmu alêkum ...“, sage ich.
„Enttîna kä-t eraf ed-dârija l-maghrîbiya!“
Ich verstehe kein Wort.

„War das schon alles, was du Arabisch kannst?“
Ich nicke beschämt: Leider!
„Nicht schlimm. Wir Marokkaner können alle Sprachen. Wir können noch mehr! Schau in meinen Laden. Probier das. Bringt deine Haare zurück!“

Er zeigt auf meine Glatze.
„Soll ich es trinken oder mir auf den Kopf schütten?“
„Für deinen Kopf ist alles zu spät! Das Mittel macht dich unten stark! Und deine Frauen glücklich!“ Er bricht in ein ansteckendes, glucksendes Gelächter aus. Ich lache mit. Die Glückshaltigkeit des Augenblicks ist flüchtig wie ein Lichtschimmer.

(...)

Eine Gebirgskette erhebt sich wie ein Faltenwurf. Das Licht taucht die Landschaft in sanfte Ockertöne. Aber der Schatten ist wie der Spiegel der Berge im Totenreich. Das ist er, der flüchtige Anblick, für den ich hier bin. Ich weiß, so wird es jetzt hunderte, ja, weit über tausend Kilometer nach Süden weitergehen, in diesem Rausch, Tafelberge, Gesteinsformationen, Sand.

Jeder von uns trägt eine Landschaft in sich. Meistens kennen wir sie nicht, diese innere Landschaft, aber sie ist da. Sehen wir draußen dann eine Landschaft, die unsere innere widerspiegelt, können wir plötzlich auch die Landschaft in uns sehen. Die Landschaft, durch die ich fahre, ist mir vertraut, als wäre ich darin aufgewachsen.

Das Buch kann ab sofort in jeder Buchhandlung, beim Verlag osbert+spenza oder auf dieser Website beim Autor selbst bestellt werden.

Andreas Kirchgäßner, Die sieben Farben der Nacht. Marokkos Süden, osbert+spenza, Ravensburg 2020, ISBN: 978-3-947941-02-5, 24,00 Euro