Spannende Storys aus den Weinbergen
Badische Zeitung 26.7.2018


Schwarzwälder Bote vom 06.07.2018


Von Halbgeistern, Elfen, einarmigen Dienern und “Lederjacke-mit-Preisschild-Typen”
Zum 10. Mal präsentierten Schülerinnen und Schüler des Martin-Schongauer-Gymnasiums ihre Texte aus der Schreibwerkstatt. Das Jubiläum einer Erfolgsgeschichte. 


Die Teilnehmer der Schreibwerkstatt, die unter Leitung des Merdinger Autors
Andreas Kirchgäßner am Breisacher Gymnasium stattfand, hatten bei dem
Projekt viel Spaß. Foto: A. Stiefvater-Fecarotta

BREISACH. Wieder einmal öffneten sich am 7. April die Türen der Schreibwerkstatt, in der 9 Schülerinnen und Schüler ihre unter professioneller Leitung des Merdinger Autors Andreas Kirchgäßner entstandenen Texte vorlasen. Das Spektrum der Textsorten war sehr vielfältig: Neben Phantasy, Abenteuer- und Geistergeschichten gab es auch eine komische Liebesgeschichte und einen lustigen Raubkrimi.

Die Schülerinnen und Schüler im Alter zwischen 10 und 13 Jahren hatten entweder zum wiederholten Mal an der Schreibwerkstatt teilgenommen oder trugen mutig ihre Erstlingswerke vor.
Gekonnt starteten die Schüler entweder “in medias res” oder durch einen einführenden Prolog, sodass der Zuhörer sofort in den Bann der Geschichten gezogen wurde, die vielfältiger nicht hätten sein können: Sebastian Morawetz gelang mit “Der Geist von Schloss Bernstein” eine skurrile Geistergeschichte, in der sich der Protagonist als Halbgeist erst einmal mit seinem Mörder auseinandersetzen muss, bevor er durch das richtige “Portal” wieder den Weg zurück ins Leben und zu seinen Freunden findet - allerdings um Jahre gealtert. Emre Kaan Olpak berichtet in seinem “Das Spiel der Realität” davon, wie sich virtuelle Computerspiele mit der Realität zu vermischen beginnen und den Spieler buchstäblich in ihre Welten ziehen. Leonie Bohrer beeindruckte mit dem Phantasy-Text “Das Geheimnis des Briefes” in fast epischer Länge, der von einem Kampf um einen wichtigen Brief handelt, der das Rezept für die Unsterblichkeit enthält, letztendlich aber zerstört werden muss, damit die bösen Mächte ihn nicht missbrauchen können. Elisabeth Lenz berichtet in ihrem Text “Familie Freundschafts Haus” von der Ich-Erzählerin, die mit ihrem blutroten Blick einen niederträchtigen Mann tötet, indem sie ihn in Stein verwandelt. In der Phantasiegeschichte Clara Obermeiers “Edria” geht es um ein Elfenreich, dem die Heldin Elena zu Hilfe kommen muss, um die vier Elemente-Einhörner wiederzufinden.
Einige Schüler haben sich auch an realistischen Erzählungen versucht und dabei den Alltag von Jugendlichen genauer unter die Lupe genommen, wie z.B. in der Geschichte “Die große Verwechslung” von Hannah Seifert, in der es um einen neuen Schüler geht, der sich ausgerechnet für die Ich-Erzählerin, eine Außenseiterin in der Klasse interessiert, die ständig schlechte Noten kassiert. Als sie sich in ihrer geliebten Rückzugs-Hütte am Fluss von allem erholen möchte, entdeckt sie, dass es sich der neue Schüler dort schon auf ihrer Matratze bequem gemacht hat! In Miriam Hoffmanns zweitem Teil einer abenteuerlichen Fortsetzungsgeschichte “Andrea Charlotte Schwan” geht es um den Diebstahl eines MP3-Players an einer Schule und einem abhanden gekommenen Turnhallenschlüssel, den die beiden Protagonisten zu klären versuchen. Die Geschichte “Klassenfahrt mir Erfolg” von Anna Portele kreist ganz um die vorsichtige Annäherung einer Jugendlichen an einen tollen Typen, obwohl sie eigentlich schon liiert ist. Wie gut, dass sich ihr alter Freund problemlos damit abfindet, weil auch er in der Zwischenzeit eine neue Freundin gefunden hat! Zum lustigsten Höhepunkt des Abends verhalf Elias Thomas Detektivgeschichte “Vier Geschwister und der verschwundene Kirchenschatz”, die voller ironischer Untertöne steckte. Vier Geschwister werden, da sie lieber draußen spielen, als, wie andere Jugendliche, vor ihrer PlayStation zu sitzen, Zeuge eines Kirchenraubs. Professionell wird “Mister Mystery”, der gelegentlich auch der “Lederjacke-mit-Preisschild-Typ” genannt wird, jedoch von den Geschwistern überführt. Gut, wenn man sich dann technisch doch etwas auskennt und der Polizei mit Handyfotos weiterhelfen kann.
Die Texte der Schüler waren dieses Mal mit ´heißer Nadel gestrickt´ worden, da es nur wenige Termine gab, um die vielfältigen Kenntnisse über Dramaturgie zu vermitteln und dann auch in Ruhe anzuwenden, beschreibt Andreas Kirchgäßner. Den Kindern aber sei, auch wenn die eine oder andere Geschichte unfertig blieb, eine eindrucksvolle Bandbreite an Texten gelungen. Ein Reader mit allen Geschichten auf 50 Textseiten konnte für einen kleinen Unkostenbeitrag erworben werden.

Ein kurzer Rückblick: Die Schreibwerkstatt unter der Leitung von Andreas Kirchgäßner wurde im Jahr 2007 für Schüler des Martin-Schongauer-Gymnasiums ins Leben gerufen und seither durch den Schulleiter Winfried Wagner immer mit großem Engagement unterstützt. Inzwischen kümmert sich Frau Dr. Anna Keck, Deutschlehrerin am MSG, um die Aufrechterhaltung dieser wunderbaren Einrichtung. Mithilfe freundlicher Unterstützung durch den schuleigenen Förderverein und den Friedrich-Bödecker-Kreis kann der Elternbeitrag vergleichsweise gering gehalten werden, was allen Kindern die Teilnahme erleichtert.

 In den Sitzungen der Schreibwerkstatt werden neben der Ideenfindung, dem eigenen Formulieren und einem spannenden Aufbau nebenher auch andere Fähigkeiten trainiert, wie das geduldige Zuhören und Beurteilen anderer Texte, Selbstdisziplin bei der Umsetzung größerer Schreib-vorhaben, Rechtschreibung, Grammatik, Textverarbeitung am PC und, ´last but not least´, der Lesevortrag. Dass manche Kinder mittlerweile schon zu den alten “Wiederholungstätern” innerhalb der Schreibwerkstatt gehören, zeugt aber vor allem davon, dass die Suche nach eigenen Geschichten richtig Spaß machen kann, vielleicht auch daher, weil man hier die vielfältigen Erlebnisse und Erkenntnisse im eigenen Leben beleuchten und damit “Licht ins Dunkel” bringen kann, um sich selbst ein bisschen besser zu verstehen.

A. Stiefvater-Fecarotta











Badische ZeitungDonnerstag25. Juli 2013


Ohne Konflikt geht es nicht

Schüler des Kreisgymnasiums haben sich in eine Schreibwerkstatt begeben.


  1. Andreas Kirchgäßner mit dem Reader, in dem die Geschichten der Schreibwerkstatt gesammelt wurden. Foto: Gabriele Hennicke

BAD KROZINGEN. Fesselnde Geschichten schreiben – das lernen Jugendliche nicht unbedingt im Schulunterricht. Wenn sie Glück haben, können sie es bei einem Zusatzangebot lernen, in einer kreativen Schreibwerkstatt. Der Merdinger Autor Andreas Kirchgäßner hat neun Schüler der Klassen 5 bis 9 des Kreis-Gymnasiums Bad Krozingen im kreativen Schreiben geschult. Erstaunlich ausgereifte Geschichten brachten die Schüler bei der Abschlusslesung zu Gehör.

"Ich drückte mich an seinen Körper. Mein Gesicht war durchnässt, denn es regnete, aber hauptsächlich von meinen Tränen. Es tut mir so leid, Lea, sagte Jake und strich mir über die Haare. Sein T-Shirt war von meinen Tränen schon ganz nass, aber das schien ihm nichts auszumachen. Hinter mir hörte ich unserer Haus zusammenbrechen..."

Auf zehn Seiten erzählt Anna Bernitz von den ersten Stunden und Tagen nach dem Brand des Hauses und dem Tod der Eltern ihrer Heldin. Packend und anschaulich, wie auch die anderen jungen Autorinnen und Autoren. "Wer an der Schreibwerkstatt mitgemacht hat, dem bedeutet Schreiben sehr viel", meint Andreas Kirchgäßner, "ich finde es toll, dass die Kinder die Lust und die Energie mitbringen, sich in der Schreibwerkstatt freiwillig mit dem Schreiben auseinander zu setzen und zuhause viele Stunden an ihren Geschichten zu schreiben."

Eine altersmäßig heterogene, aber im Umgang miteinander sehr sensible Gruppe sei das gewesen, erzählt Kirchgäßner. Mit dabei war beispielsweise ein Trupp von Siebtklässlern, die zuvor schon selbständig Texte erarbeitet und sich ausgetauscht hatten und jetzt das theoretische Rüstzeug mitbekommen haben. In sieben eineinhalbstündigen Werkstätten haben sich die Schüler über ein halbes Jahr lang mit dem Kreativen Schreiben beschäftigt.

"Kreatives Schreiben kann man lernen, was es braucht, ist der Spaß an Geschichten und am Schreiben", sagt Andreas Kirchgäßner, der selbst Kinder- und Erwachsenenbücher schreibt. In der Schreibwerkstatt machen die Schüler Schreibübungen und erarbeiten sich mit Kirchgäßner die theoretischen Grundlagen. Als erstes entwickeln sie die Hauptfigur. Eine passende Schreibübung ist, sich in einen Gegenstand aus ihrem Schulranzen hinein zu versetzen und in der Ich-Perspektive zu schreiben, wie es ihm geht und was er den ganzen Tag erlebt.

Die Kinder lesen sich gegenseitig vor, was sie geschrieben haben, loben Gelungenes und machen Verbesserungsvorschläge. "Die Kinder würden am liebsten sofort losschreiben. Sie kennen den Schreibrausch, wie toll es ist, wenn man im Schreiben drin ist", sagt der Autor, "sie kennen aber auch, wie es am nächsten Tag ist, wenn sie merken, dass die Geschichte doch nicht so fesselnd ist." Deshalb sei es sinnvoll, Schritt für Schritt ans Schreiben heran zu gehen.

Andreas Kirchgäßner hat das psychologische Konzept der Heldenreise für Schreibwerkstätten heruntergebrochen. Beim Entwickeln der Hauptfigur ist es wichtig, dass diese einen Konflikt erleben muss, der sie existenziell herausfordert, damit sie durch eine Krise hindurchgehen und daran wachsen kann.

"Kreatives Schreiben kann man lernen, was es braucht, ist der Spaß an Geschichten und am Schreiben"

Andreas Kirchgäßner
"Eine gute Figur sollte eine Verletzung in der Vorgeschichte haben. Diese Wunde begleitet sie als Achillesferse durch die ganze Geschichte und bricht im finalen Konflikt wieder auf", erklärt Kirchgäßner, "der Held muss erst sterben, damit er am Ende verwandelt auferstehen kann. Hand aufs Herz – hätten Sie gedacht, dass Kinder zwischen 11 und 14 Jahren so etwas verstehen und sogar umsetzen können?" Natürlich braucht es neben der Hauptfigur auch einen Gegenspieler, damit es zum Konflikt kommt. Der Gegenspieler muss gar nicht der Böse sein, er hat lediglich entgegengesetzte Ziele als die Hauptperson, dadurch entsteht der Konflikt. "Das zwei Hunde-ein Knochen-Prinzip" nennt Kirchgäßner das.

Nachdem die Kinder die Figur entwickelt haben und wissen, wie sie die Geschichte anlegen, schreiben sie zuhause weiter. Ab dem vierten Treffen bringen sie die Geschichten mit und lesen sie den anderen vor. "Sie entwickeln ein erstaunlich gutes Gespür für die Geschichten der anderen. Oft muss ich mich selbst gar nicht in die Textkritik einmischen, weil die Schüler beim Zuhören allein herausfanden, was an einer Geschichte besonders gelungen, und was noch verbesserungswürdig war", sagt Andreas Kirchgäßner.

Organisiert hat die Schreibwerkstatt Deutschlehrerin Gabi Schäfer. Der Friedrich-Bödecker-Kreis Baden-Württemberg und der Förderverein der Schule haben das Projekt finanziell ermöglicht. Die Schreibwerkstatt am Bad Krozinger Kreisgymnasium wird nach den Schulferien weitergehen. Die meisten wollen wieder mitmachen.

Gabriele Hennicke





   
                                                                                                        Zu Salome Brodd siehe auch den Artikel in der
                                                                                   Badischen Zeitung vom 5.12.2012

                                                                                                                                
Presse Badische Zeitung 2011












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